Ein Kommentar von Roger Aliaga-Díaz, Ph.D, Vanguard Chief Economist, Americas, und Head of Portfolio Construction.

Wir nähern uns dem Ende der ersten Jahreshälfte 2022, und die Spannungen sind nicht zu übersehen, weder in der Wirtschaft noch an den Märkten noch in der Politik. Die Inflation hat den höchsten Stand seit 40 Jahren erreicht, die US Federal Reserve und andere Zentralbanken haben eine drastische Wende oder sogar Umkehr ihrer Geldpolitik eingeläutet, die Pandemie ist immer noch da und die Lieferstörungen haben sich durch die Covid-Lockdowns in China und den Ukraine-Krieg noch einmal verschärft. Letzterer bringt den Westen zudem einem Krieg so nahe wie kein anderes Ereignis der letzten Jahrzehnte.

Dieser perfekte Sturm hat, wenig überraschend, die Aktien- und Anleihekurse im Gleichschritt in den Abgrund gerissen und die „normale“ Risikodiversifizierung eines ausgewogenen Portfolios durcheinandergebracht.

Diversifizierte Aktien-/Anleiheportfolios im historischen Kontext

Kurze, gleichzeitige Kursrückgänge an den Aktien- und Anleihemärkten sind durchaus nicht ungewöhnlich, wie unsere Grafik zeigt. Seit Anfang 1999 waren die nominalen Gesamtrenditen von globalen Aktien und Investment-Grade-Anleihen in knapp 14% der Einmonatszeiträume gleichzeitig negativ. Im Durchschnitt fallen die Aktien- und Anleihekurse also etwa alle sieben Monate für einen Monat parallel.

Betrachtet man längere Zeiträume, werden gleichzeitige Kursrückgänge seltener, zumal die Kurse beider Assetklassen in unserem Beobachtungszeitraum niemals in drei Jahren in Folge fielen und selbst einjährige Verlustphasen selten waren.

In der Vergangenheit konnten sich diversifizierte Aktien-/Anleiheportfolios innerhalb weniger Monate erholen

Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist keine Garantie für zukünftige Erträge.

Quelle: Vanguard. Hinweise: Die Daten entsprechen den rollierenden Gesamtrenditen während der abgebildeten Zeiträume; monatliche Gesamtrenditen bei reinvestierten Dividenden und Erträgen für den Zeitraum von Februar 1999 bis Mai 2022. Globale Aktien werden durch den FTSE All-World Index und globale Anleihen durch den währungsgesicherten Bloomberg Global Aggregate Index dargestellt. Renditen in Euro.

 

Wie die Grafik deutlich macht, waren Verluste in global diversifizierten Aktien-/Anleiheportfolios mit einem Aktienanteil von 60% häufiger als gleichzeitige Kursverluste an den Aktien- und Anleihemärkten. Der Grund hierfür sind die weitaus höhere Volatilität von Aktien und ihr größeres Gewicht in dieser Asset-Allokation. Die Ein-Monats-Gesamtrenditen waren in dem von uns untersuchten Zeitraum etwas mehr als ein Drittel der Zeit negativ, die Einjahresrenditen dagegen in etwa 18% der Fälle (also im Durchschnitt einmal alle fünfeinhalb Jahre).

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, warum man ein Portfolio diversifiziert.

Die mathematische Logik eines 60/40-Portfolios

Parolen wie „Tod des 60/40-Portfolios“ sind einprägsam, bedürfen keiner komplexen Erklärung und scheinen in einem schwierigen Marktumfeld wie dem aktuellen sogar ein Fünkchen Wahrheit zu enthalten. Solche Aussagen ignorieren jedoch elementare Fakten der Vermögensanlage, beruhen ausnahmslos auf kurzfristigen Kursdaten und schaffen einen gefährlichen Fehlanreiz für Anleger:innen, die sich eigentlich auf ihre langfristigen Ziele konzentrieren sollten.

Zur Erinnerung:

  • In den kommenden 30 Jahre prognostiziert das Vanguard Capital Markets Model (VCMM) für ein 60/40-Portfolio eine durchschnittliche Jahresrendite von rund 5% (in Euro)1. Da Märkte jedoch naturgemäß volatil sind, werden die Renditen mal höher und mal niedriger – und ja, manchmal auch negativ – ausfallen.
  • Die Durchschnittsrendite unserer Prognose kann sich auch dann noch einstellen, wenn auf Phasen hoher Gewinne mal negative Renditen folgen (wie in diesem Jahr). Dies illustriert beispielhaft der US-Markt, für den die Daten fast ein Jahrhundert zurückreichen. In den drei Jahren bis zum 31. Dezember 2021 erzielte ein 60/40-Portfolio eine durchschnittliche jährliche Rendite von 14,3% (in US-Dollar). Bei einem Verlust von bis zu 12% im Jahr 2022 würde die jährliche Dollar-Rendite in dem Vierjahreszeitraum bis 2021 lediglich auf 7% fallen, was nicht weit vom historischen Durchschnitt2 entfernt ist und in Einklang mit unseren langfristigen Erwartungen steht3.
  • Gleichzeitig lässt die Mathematik der Durchschnittsrenditen erwarten, dass auf Verlustphasen Jahre mit überdurchschnittlichen Renditen folgen. Nach den schmerzhaften Kurskorrekturen seit Jahresbeginn sind die Renditeprognosen für ein 60/40-Portfolio tatsächlich sogar gestiegen. Aufgrund der niedrigeren Aktienbewertungen lagen etwa die 10-Jahres-Renditeprognosen für globale Aktien Ende März um 0,35 Prozentpunkte über dem Niveau vom Jahresende 20214. Die mithilfe des Vanguard Capital Markets Model (VCMM) errechneten 10-Jahres-Anleiherenditen für den gleichen Zeitraum sind wegen der höheren Zinsen sogar um 0,8 Prozentpunkte gestiegen5. Insgesamt haben sich die 10-Jahres-Prognosen für ein 60/40-Portfolio um 0,6 Prozentpunkte6 verbessert – und dürften nach den Kursverlusten im April weiter gestiegen sein.
  • Market Timing ist selbst für professionelle Investor:innen extrem schwer und als Anlagestrategie zum Scheitern verurteilt. Die Märkte preisen unerwartete Nachrichten und Schocks mit hoher Geschwindigkeit ein, das gilt auch für den Angriff auf die Ukraine oder die schnelleren und synchronisierten Reaktionen der Zentralbanken auf die weltweite Inflation. Die Jagd nach Rendite und schlagzeilenabhängige Anlageentscheidungen funktionieren deshalb als langfristige Strategie nicht und führen häufig dazu, dass Anleger:innen teuer kaufen und günstig verkaufen. Anstatt ihre ausgewogene Asset-Allokation aufzugeben, sollten sie an ihrem Anlageplan festhalten und regelmäßig Geld zurücklegen.

Nicht auf 60/40 kommt es an, sondern auf Balance und Disziplin

Bisher habe ich mich in meinen Überlegungen auf das 60/40-Portfolio beschränkt, da diese Asset-Allokation in der Presse gerne diskutiert wird. Wir sehen in einer 60/40-Aufteilung einen guten Richtwert für eine Anlagestrategie, die moderates Wachstum anstrebt. 60/40 ist zwar ein hervorragender und sinnvoller Maßstab, eine einzigartige oder magische Formel ist es jedoch nicht.

Das Gerede über der Niedergang dieses Allokationsmodells lenkt letztlich nur von dem ab, was für den langfristigen Erfolg zählt.

Wichtiger ist ein diversifiziertes Portfolio, das auf verschiedene Assetklassen (vor allem Aktien und Anleihen) aufgeteilt und auf den eigenen Anlagehorizont sowie die eigene Risikotoleranz abgestimmt ist. „60/40“ ist so gesehen nur eine Art Kurzform für die strategische Asset-Allokation, unabhängig von der tatsächlichen Aufteilung des Anlagevermögens.

Für Anleger:innen mit einem längeren Anlagehorizont ist eine aggressivere Asset-Allokation vielleicht die bessere Wahl, etwa 80/20 oder sogar 90/10. Für andere, die kurz vor dem Rentenalter stehen oder eher risikoavers sind, ist vielleicht 30/70 ausreichend. Ob auch alternative Assetklassen ihren Platz in einem Portfolio haben, hängt von den individuellen Umständen und Wünschen ab.

Wie auch immer man die angestrebte Asset-Allokation nennt und in was auch immer man letztlich investiert – langfristiger Erfolg setzt Disziplin und die richtige Einstellung voraus. Marktphasen wie zu Beginn dieses Jahres – und einige Bärenmärkte, die sehr viel länger angehalten haben – können an den Nerven von Anleger:innen zerren.

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass das 60/40-Portfolio und die Märkte im Allgemeinen auf die Probe gestellt werden – und es wird auch nicht das letzte Mal sein. (Unsere Modelle deuten auf weitere wirtschaftliche Schwierigkeiten und schwache Renditen hin.)

Das 60/40-Portfolio in all seinen Varianten ist deshalb aber nicht tot. Wie der Phönix, der unsterbliche Vogel der griechischen Mythologie, der sich aus der Asche seines Vorgängers erhebt, wird auch das 60/40-Portfolio aus den Tiefen der Märkte neu entstehen und Anleger:innen mit Geduld und Disziplin belohnen.

 

WICHTIGE HINWEISE: Die Prognosen sowie andere Informationen, die von dem VCCM generiert werden und die Wahrscheinlichkeit verschiedener Anlageergebnisse zum Gegenstand haben, sind naturgemäß hypothetisch, stellen keine tatsächlichen Anlageergebnisse dar und garantieren keine zukünftigen Erträge. Die Verteilung der Renditen des VCMM wird aus 10.000 Simulationen für jede modellierte Assetklasse abgeleitet. Simulationen per 31. März 2022. Die Ergebnisse des Modells können mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit variieren.

2 Nach Berechnungen von Vanguard lag die annualisierte US-Dollar-Rendite eines Portfolios, das zu 60% US-Aktien und zu 40% US-Anleihen bestand, zwischen dem 1. Januar 1926 und dem 31. Dezember 2021 8,8%. Berechnungen auf Grundlage von Daten von Standard & Poor's, Dow Jones, MSCI, CRSP, Morningstar und Bloomberg. US-Aktienrenditen werden dargestellt durch folgende Indizes: S&P 90 (ab 1926), den S&P 500 Index (März 1957 bis 1971), Dow Jones US Total Stock Market Index (früher bekannt als Dow Jones Wilshire 5000 Index, Januar 1972 bis 22. April 2005), MSCI US Broad Market Index (bis 2. Juni 2013), CRSP US Total Market Index (anschließend). US-Anleiherenditen werden durch folgende Datenbanken und Indizes dargestellt: Dimson-Marsh-Staunton-Datenbank von Morningstar, Inc. (ab 1926), Bloomberg US Aggregate Bond Index (Januar 1976 bis 31. Dezember 2009), Bloomberg US Aggregate Float Adjusted Index (anschließend).

3, 4, 5, 6 Auf Grundlage langfristiger Prognosen des Vanguard Capital Markets Model (VCMM). Das VCMM ist ein firmeneigenes Finanz-Simulationsinstrument. Es wurde von den primären Investment-Research- und Beratungsteams von Vanguard entwickelt und wird von diesen gewartet. Für weitere Informationen siehe Fußnote 1.

Wichtige Hinweise zu Anlagerisiken

Der Wert der Investitionen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen, und Investoren können Verluste auf ihrer Investitionen erleiden.

Die frühere Wertentwicklung gibt keinen verlässlichen Hinweis auf zukünftige Ergebnisse.

Wichtige allgemeine Hinweise

Nur für professionelle Anleger (nach den Kriterien der MiFID II-Richtlinie), die auf eigene Rechnung investieren (einschließlich Verwaltungsgesellschaften (Dachfonds) und professionelle Kunden, die im Namen ihrer diskretionären Kunden investieren).  In der Schweiz nur für professionelle Anleger. Nicht für die öffentliche Verbreitung bestimmt.

Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen sind nicht als Angebot oder Angebotsaufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren zu verstehen, wenn in einem Land ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung rechtswidrig ist, wenn Personen betroffen sind, denen ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung gesetzlich nicht gemacht werden darf, oder wenn derjenige, der das Angebot oder die Aufforderung macht, dafür nicht qualifiziert ist. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen stellen keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Sie dürfen sich deshalb bei Anlageentscheidungen nicht auf den Inhalt dieses Dokuments verlassen.

WICHTIGER HINWEIS: Die Prognosen sowie andere Informationen, die von dem Vanguard Capital Markets Model generiert werden und die Wahrscheinlichkeit verschiedener Anlageergebnisse zum Gegenstand haben, sind naturgemäß hypothetisch, stellen keine tatsächlichen Anlageergebnisse dar und garantieren keine zukünftigen Erträge. Die Verteilung der Renditeergebnisse des VCMM wird aus 10.000 Simulationen für jede modellierte Assetklasse abgeleitet. Die Simulationen sind aktuell per 31. März 2022. Die Ergebnisse des Modells können mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit variieren.

Die Prognosen des VCMM basieren auf statistischen Analysen und historischen Daten. Zukünftige Renditen können von den im VCMM erfassten historischen Mustern abweichen. Noch wichtiger ist jedoch, dass das VCMM extrem negative Szenarios unterschätzen kann, die in den historischen Zeiträumen, auf denen die Modellschätzungen beruhen, nicht vorkamen.

Das Vanguard Capital Markets Model® ist ein firmeneigenes Finanz-Simulationsinstrument. Es wurde von den primären Investment-Research- und Beratungsteams von Vanguard entwickelt und wird von diesen gewartet. Das Modell prognostiziert die Verteilung zukünftiger Renditen für zahlreiche Assetklassen. Zu diesen Assetklassen gehören die US-amerikanischen und internationalen Aktienmärkte, US-Treasuries und Unternehmensanleihen mit verschiedenen Laufzeiten, internationale Anleihemärkte, US-Geldmärkte, Rohstoffe sowie bestimmte alternative Anlagestrategien. Die theoretische und empirische Grundlage des Vanguard Capital Markets Model ist die Beziehung zwischen Rendite und Risiko: Die Renditen zahlreicher Assetklassen sind der von Anlegern im Gegenzug für bestimmte Arten von systematischem Risiko (Beta) verlangte Ausgleich. Das Modell beruht im Kern auf Schätzungen der dynamischen statistischen Beziehung zwischen Risikofaktoren und Asset-Renditen. Diese erhalten wir durch statistische Analyse monatlicher Finanz- und Wirtschaftsdaten, die bis in das Jahr 1960 zurückreichen. Mithilfe eines Systems von Gleichungsschätzungen führt das Modell eine Monte Carlo-Simulation durch, um die geschätzten Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und Assetklassen sowie Ungewissheit und Zufälle langfristig zu prognostizieren. Das Modell generiert eine große Anzahl simulierter Ergebnisse für jede Assetklasse über verschiedene Zeiträume. Die Prognosen werden durch Berechnung der Zentraltendenzen in diesen Simulationen gewonnen. Die Ergebnisse des Modells variieren mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit.

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