Ein Kommentar von Joana Rocha, Investment Strategy Analyst, Vanguard Europe

Kursschwankungen gehören zu jedem Anlagezyklus dazu, stellen jedoch ein Risiko für Anleger:innen dar, die im oder kurz vor ihrem Ruhestand stehen und von ihren Ersparnissen leben wollen.

Da sie just in Zeiten fallender Kurse beginnen, regelmäßig Beträge aus ihrem Portfolio zu entnehmen, ist es für diese Kundinnen und Kunden doppelt schwer, Verluste in einer anschließenden Markterholung wieder auszugleichen. Es droht eine Serie an Fehlbeträgen – und letztlich die frühzeitige Erschöpfung des Portfolios.

Dieses Szenario, im Englischen als Sequence-of-Return-Risk oder einfach nur Sequence-Risk bekannt, kann sich langfristig und nachhaltig auf den Ruhestand auswirken.

Ein Beispiel aus den Siebzigerjahren verdeutlicht die Auswirkungen des Ertrags-Sequenz-Risikos: Dazu vergleichen wir die Entwicklung der Portfolios zweier Anleger:innen, die 1973 bzw. 1974 in den Ruhestand gingen, also im Abstand von nur einem Jahr. 1973 war ein Jahr schwerer Kursverluste, doch 1974 endete der Bärenmarkt1. Die beiden Anleger:innen trennt nur ein einziges Jahr, und doch haben sie dramatisch unterschiedliche Ergebnisse erzielt: Dem ersten ging nach 23 Jahren das Geld aus, während sich die zweite über einen soliden Portfoliosaldo und ein kontinuierliches Einkommen während ihres gesamten 35-jährigen Ruhestands freuen konnte.

Ertrags-Sequenz-Risiko: Langfristige Portfolioentwicklung: ein Jahr Abstand, und ein riesiger Unterschied

Hinweise: Die Grafik zeigt die Wertentwicklung der Portfolios zweier hypothetischer Anleger:innen, die zu Beginn des jeweiligen Kalenderjahres in den Ruhestand gehen. Die Portfolios mit einem Anlagevermögen von 500.000 US-Dollar bestehen zu jeweils 50% aus Aktien und Anleihen. Nach einem festen Entnahmeplan entnehmen beide Anleger:innen pro Jahr 25.000 US-Dollar (inflationsbereinigt). Dies ist eine hypothetische Darstellung und nicht repräsentativ für die Renditen einer bestimmte Anlage. Die Rendite ist nicht garantiert.
Quellen: Berechnungen von Vanguard auf Grundlage von Daten von Morningstar, Inc., der Federal Reserve Bank of St. Louis und der Kenneth R. French Data Library. Alle Daten sind monatlich und beziehen sich auf den Zeitraum von Januar 1973 bis Dezember 2008. Bei der Berechnung gehen wir davon aus, dass alle Erträge reinvestiert werden. Gebühren und Steuern sind in der Berechnung nicht berücksichtigt. Berechnungen in USD.

Beide Anleger:innen traten mit einem Portfolio im Wert von 500.000 US-Dollar in den Ruhestand, das zu je 50% aus Aktien und Anleihen bestand; beide planten, einen festen inflationsbereinigten Betrag von 25.000 US-Dollar pro Jahr abzuheben. Der einzige Unterschied liegt in dem Jahr des Eintritts in den Ruhestand: Der eine begann im Jahr 1973, zu Beginn eines schweren Bärenmarktes (Januar 1973), sein Portfolio aufzulösen, die andere dagegen erst ein Jahr später, als die Aktienkurse zwar immer noch fielen, sich aber ihrem Tiefpunkt näherten (September 1974).

Je länger der Abschwung anhält, desto schlechter kann sich ein Portfolio zwischen den Entnahmen erholen – was verheerende Folgen haben kann. Das erste Portfolio konnte sich nie vollständig von den frühen Entnahmen erholen, weshalb die Ersparnisse zwei Jahrzehnte später vollständig aufgebraucht waren. Der Saldo des zweiten Portfolios lag dagegen während der gesamten 35 Jahre überwiegend bei rund 300.000 US-Dollar, 25% des ursprünglichen Portfolios stand anschließend als Erbmasse zur Verfügung.    

Zahlreiche Faktoren können die Auswirkungen schwacher Marktphasen auf ein Portfolio mindern oder verstärken, etwa Umfang und Frequenz der Entnahmen, andere Einkommensquellen oder die Dauer des Ruhestands. Doch das Beispiel aus den Siebzigerjahren verdeutlicht, wie Entnahmen in fester Höhe ein bereits angeschlagenes Portfolio belasten und damit die langfristige finanzielle Sicherheit von Anleger:innen im Ruhestand gefährden können.

Die richtige Ausgabenstrategie für den Ruhestand

Durch abgestimmte Entnahmestrategien können Berater:innen wesentlich dazu beitragen, die Portfolios ihrer Kundinnen und Kunden zu schützen – ganz zu schweigen von dem emotionalen Wert während des Übergangs in die Dekumulationsphase, in der sie Anleger:innen ein Gefühl von Kontrolle vermitteln können.

Zu den gängigsten Entnahmestrategien im Ruhestand gehören traditionell die inflationsorientierte Entnahme, bei der Anleger:innen einen Anfangsbetrag festsetzen und diesen jährlich an die Inflation anpassen (und die auch in unserem Rechenbeispiel oben zur Anwendung kam), und die prozentuale Entnahme, bei der der Entnahmebetrag an den schwankenden Portfoliowert angepasst wird.

In einem robusten Marktumfeld können beide Strategien bei der Ausgabenplanung helfen, doch in einem Abschwung ist weder die eine noch die andere ideal. Eine inflationsorientierte Strategie gewährleistet Stabilität auf der Entnahmeseite, im Gegenzug steigt das Risiko einer frühzeitigen Portfolioerschöpfung. Das Sequenz-Risiko lässt sich durch eine prozentuale Entnahme reduzieren, geht jedoch davon aus, dass die Portfolioinhaber:innen ihre Ausgaben schnell an die Wertentwicklung des Portfolios anpassen können. In Marktabschwüngen kann sich diese Annahme als unrealistisch herausstellen, wenn die Entnahmen die Lebenshaltungskosten nicht mehr decken.

Vanguard hat daher eine dynamische Entnahmestrategie entwickelt, die marktabhängige Schwankungen in der Entnahmerate auf der Grundlage der Wertentwicklung des Portfolios zulässt und gleichzeitig ein gewisses Maß an Einkommensstabilität zur Ausgabendeckung gewährleistet. Dabei wird der Entnahmebetrag jedes Jahr leicht an die Wertentwicklung des Portfolios angepasst: In Jahren steigender Kurse gilt eine Obergrenze von 5%, in schwachen Jahren dagegen eine Untergrenze von 2,5%.

Die dynamischen Entnahmestrategie in der Praxis

Mithilfe einer dynamischen Entnahmestrategie können Berater:innen die Lebensdauer der Portfolios ihrer Kundinnen und Kunden im Ruhestand verlängern. Und sie können wesentlich dazu beitragen, die Strategie genau auf deren individuellen Bedürfnisse abzustimmen.

Ein Beispiel veranschaulicht, wie die dynamische Entnahmestrategie in der Praxis funktioniert:

Frau Schmidt geht mit einem Portfolio im Wert von 500.000 Euro in den Ruhestand. Sie strebt eine Entnahmerate von 5% an, was bei Ruhestandsbeginn einer Summe von 25.000 Euro entspricht2.

Zu Beginn des ersten Jahres entnimmt Frau Schmidt 25.000 Euro, der Restwert des Portfolios beträgt 475.000 Euro.

Der angestrebte Entnahmebetrag im zweiten Jahr beträgt 25.500 Euro (25.000 Euro + 2 % Inflation). Dieser Wert kann zwischen 26.775 Euro (25.500 Euro +5% Obergrenze) und 24.862 Euro (25.500 Euro -2,5% Untergrenze) schwanken.

Entnahmeszenarien

Im Gegensatz zu einer festen Entnahmestrategie hängt die tatsächliche Entnahmerate von Frau Schmidt im zweiten Jahr von der Wertentwicklung ihres Portfolios im ersten Jahr ab.

Szenario 1: Der Portfoliowert steigt um 8%

Im ersten Szenario steigt der Portfoliowert um 8%, von 475.000 auf 513.000 Euro. Bei einer Zielrate von 5% würde der Entnahmebetrag 25.650 Euro betragen. Da diese Summe die Obergrenze nicht übersteigt, kann Frau Schmidt den vollen Betrag entnehmen.

 

Szenario 2: Der Portfoliowert sinkt um 4%

Im zweiten Szenario sinkt der Portfoliowert 4%, von 475.000 auf 456.000 Euro. Bei einer Zielrate von 5% würde der Entnahmebetrag 22.800 Euro betragen, diese Summe liegt jedoch unter dem durch die Untergrenze vorgegebenen Mindestbetrag von 24.862 Euro. Frau Schmidt sollte daher 24.862 Euro abheben – und damit mehr, als eine rein prozentuale Entnahmestrategie unter Berücksichtigung der Marktentwicklung erlaubt hätte.

 

Szenario 3: Der Portfoliowert steigt um 20%

Im dritten Szenario steigt der Portfoliowert um 20%, von 475.000 auf 570.000 Euro. Bei einer Zielrate von 5% würde der Entnahmebetrag 28.500 Euro betragen, diese Summe liegt jedoch über dem durch die Obergrenze vorgegebenen Höchstbetrag von 26.775 Euro. Frau Schmidt sollte daher 26.775 Euro abheben – und damit weniger, als eine rein prozentuale Entnahmestrategie unter Berücksichtigung der Marktentwicklung erlaubt hätte.

Wie wirksam ist die dynamische Entnahmestrategie?

Untersuchungen von Vanguard zeigen, dass die dynamische Entnahmestrategie ein Portfolio in schwachen Marktphasen im Vergleich zu einer inflationsorientierten Strategie deutlich entlasten kann. Anleger:innen können so das Risiko deutlich reduzieren, dass sie ihr Portfolio noch während des Ruhestands erschöpfen, und den Wert des verbleibenden Portfolios erhöhen3.

Um zu verstehen, wie sich die dynamische Entnahme in Rezessionsphasen auf ein Portfolio auswirkt, haben Analyst:innen die Portfolios aus unserem 1973/74-Szenario oben entsprechend angepasst und die Ergebnisse mit einer inflationsorientierten Entnahme verglichen. Wie das nachstehende Diagramm zeigt, konnten beide Anleger:innen durch eine dynamische Entnahmestrategie deutlich bessere Ergebnisse erzielen. Insbesondere konnte der Anleger, der 1973 in den Ruhestand ging, die durch eine feste Entnahmerate verursachte vorzeitige Erschöpfung seines Portfolios vermeiden.

Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge.
Hinweise: Die Grafik zeigt die Wertentwicklung des Portfolios eines hypothetischen Anlegers, der zu Beginn des Kalenderjahres in den Ruhestand geht. Das Portfolio mit einem Anlagevermögen von 500.000 US-Dollar besteht zu jeweils 50% aus US-Aktien und US-Anleihen, die Gewichtungen werden monatlich zurückgesetzt. Nach einem festen Entnahmeplan entnimmt der Anleger pro Jahr 25.000 US-Dollar (inflationsbereinigt). Alle Daten sind monatlich und beziehen sich auf den Zeitraum von Januar 1973 bis Dezember 2010. Bei der Berechnung gehen wir davon aus, dass alle Erträge reinvestiert werden. Gebühren und Steuern sind in der Berechnung nicht berücksichtigt. Die Ölkrise dauerte von Oktober 1973 bis März 1974. Der Schwarze Montag fiel auf den 19. Oktober 1987. Im Jahr 2000 platzte die Technologieblase. Die globale Finanzkrise fiel in die Jahre 2007 bis 2008.
Quellen: Berechnungen von Vanguard auf Grundlage von Daten aus der Kenneth R. French Data Library; Renditen von US-Staatsanleihen mit mittlerer Laufzeit aus dem Morningstar Yearbook on Stocks, Bonds, Bills, and Inflation; US-Inflationsdaten des CPI Index für alle Verbraucher in städtischen Gebieten. Alle Berechnungen in USD.

Der Wert professioneller Vorsorgeberatung

Mit einer dynamischen Ausgabenstrategie können Anleger:innen im Ruhestand Marktschocks besser überstehen und gleichzeitig ein angemessenes Einkommen zur Deckung ihrer Ausgaben wahren.

Unabhängig von der gewählten Entnahmestrategie unterstreicht das komplexe Zusammenspiel von schwankenden Kursen und dem Wandel der Kundenbedürfnisse im Ruhestand die Notwendigkeit und den Wert professioneller und kontinuierlicher Beratung.

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1 Der Bärenmarkt der Jahre 1973/74 dauerte 21 Monate, begann im Januar 1973 (Höchststand) und erreichte seinen Tiefpunkt im Oktober 1974 (Tiefststand); insgesamt fielen die Kurse in diesem Zeitraum um 46,4%. Quelle: Berechnungen von Vanguard anhand von Daten der Kenneth R. French Data Library.

2 Sofern nicht anders angegeben, gelten für alle Ausgabenberechnungen eine Obergrenze von 5% und eine Untergrenze von -2,5 %, außerdem gehen wir von einer langfristigen Inflationsrate von 2% aus.

3 Quelle: Berechnungen von Vanguard auf Grundlage von Daten von Morningstar, Inc., der Federal Reserve Bank of St. Louis und der Kenneth R. French Data Library. Für weitere Informationen siehe „Safeguarding retirement in a bear market“, Khang, PhD, Kevin I; Andrew S. Clarke, Juni 2020.