Ein Kommentar von Jumana Saleheen, Ph. D., Chief Economist, Vanguard, Europe

 

  • Die Auswirkungen des britischen „Mini-Budgets“ auf den Anleihemarkt waren ein Weckruf und machen deutlich, wie anfällig das System durch die Maßnahmen der Zentralbanken zur Eindämmung der Inflation geworden ist.
  • Neben der Inflationsbekämpfung sorgen auch die Energiekrise und die angespannte Lage an den Arbeitsmärkten für hohe Volatilität, bis sich eine endgültige Richtung für die Entwicklung der Weltwirtschaft abzeichnet.
  • Wo, wann und ob überhaupt neue Krisen dieser Art entstehen werden, wenn die Zinsen weiter steigen, ist nicht absehbar. 

 

Kennzeichnend für die aktuelle Marktlage ist vor allem Volatilität.

Besonders in Großbritannien reagierten die Märkte Ende September mit deutlichen Kursausschlägen auf die Vorstellung des Haushalts, der als „Mini-Budget“ bekannt wurde. Die Volatilität verursachte Chaos an einer Stelle, an der man es eigentlich nicht erwarten würde: bei britischen Pensionsfonds. Letztlich verhinderten nur rechtzeitige Gegenmaßnahmen der Bank of England eine Krise, die sich schnell über die Insel hinaus hätte ausbreiten können.

Der geplante Mini-Haushalt der britischen Regierung löste bei Anleger:innen Sorgen um die Inflationsentwicklung und die Tragfähigkeit der britischen Staatsschulden aus; das Pfund Sterling gab daraufhin gegenüber dem US-Dollar und dem Euro nach, die Anleihekurse fielen entlang der gesamten Zinskurve.

Die Geschwindigkeit der Kursverluste offenbarte dabei Schwachstellen in den Strategien, mit denen einige Pensionsfonds ihre Bilanzen steuern. Wegen Nachschussforderungen, sogenannter Margin Calls, sahen sich diese Fonds plötzlich zu Anleiheverkäufen gezwungen.

Die britische Premierministerin ernannte daraufhin einen neuen Schatzkanzler, der den Großteil des Mini-Budgets wieder zurücknahm und damit eine Krise abwenden konnte. Doch an dieser Stelle lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und darüber nachzudenken, warum die Märkte so volatil sind.

Verantwortlich für die derzeitige Volatilität sind mehrere Faktoren, darunter die schnelle Erholung von der Pandemie, die angespannte Lage am Arbeitsmarkt, der Krieg in der Ukraine, die europäische Energiekrise und die Maßnahmen der Zentralbanken zur Eindämmung der Inflation, die den höchsten Stand seit Jahrzehnten erreicht hat.

Sowohl in den USA als auch im Euroraum und in Großbritannien haben die Zentralbanken die Zinsen erhöht, um die Inflation wieder auf ihren Zielwert von 2% zu drücken. Und sie haben deutlich gemacht, dass die Zinsen weiter steigen müssen, damit sich die hohe Inflation nicht festsetzt.

Steigende Leitzinsprognosen

Hinweise: Die Erwartungen der Märkte an die Leitzinsen werden durch Einmonats-Termin-Swapsätze für den jeweiligen Zeitpunkt dargestellt. Die US-Swaps basieren auf den veröffentlichten Indizes für den Tagesgeldsatz. Die Swaps für den Euroraum basieren auf dem veröffentlichten Durchschnitt des Euro-Tagesgeldindex. Die Swaps für Großbritannien basieren auf den veröffentlichten Indizes für den Tagesgeldsatz. Der neutrale Zinssatz entspricht dem Zinsniveau, das die Konjunktur weder fördert noch belastet. Die neutralen Zinssätze beruhen auf Schätzungen von Vanguard. Diese Schätzungen hängen von langfristigen wirtschaftlichen Faktoren ab und unterliegen hoher statistischer Unsicherheit. Die Schätzungen des nominalen neutralen Zinssatzes gehen von einer Inflation von 2% in den USA, 2% in Großbritannien und 1,8% in der Eurozone aus. Der Höchstzinssatz entspricht unserer Schätzung für das höchste Zinsniveau während des aktuellen Zinsstraffungszyklus.

Quelle: Analyse von Vanguard; Stand: 14. Oktober 2022.

 

Die Diagramme oben zeigen, wie hoch die Zinsen voraussichtlich steigen werden. Insbesondere in Großbritannien sind die Zinsen jetzt deutlich höher als im Vormonat – und wesentlich höher als Ende des letzten Jahres.

Wir gehen davon aus, dass die Leitzinsen in diesen großen Volkswirtschaften bis März 2023 weiter steigen werden.

Und wir erwarten, dass die Zentralbanken an ihrer Politik der Inflationseindämmung festhalten werden, solange diese nicht über das Ziel hinausschießt und die Konjunktur stärker nachlässt als beabsichtigt.

Die Schwachstellen am britischen Anleihemarkt waren ein Weckruf und lassen eine holprige Reise erwarten, was wiederum zu Unruhe an den Märkten führt. Die Märkte wollen Gewissheit, dass die Richtung stimmt.

Jumana Saleheen, Ph.D., Jumana Saleheen, Ph.D., Vanguard European Chief Economist

Eine Frage des Glücks

Natürlich wird der Kurs der Zentralbanken von der weiteren Entwicklung und den Wirtschaftsdaten abhängen. In dem aktuellen Artikel, Im Kopf der Federal Reserve haben wir erörtert, wie der Zinshöchststand mit etwas Glück niedriger ausfallen könnte, sofern sich Energiepreise, Inflationsprognosen und Arbeitsmärkte günstig entwickeln. Bei einer ungünstigen Entwicklung könnte der Endzinssatz jedoch auch höher ausfallen.

Dieses außergewöhnliche wirtschaftliche Umfeld hat Volatilität zur Folge, die diverse Marktsegmente erfassen und die Risiken insgesamt erhöhen kann. Wo, wann und ob überhaupt neue Krisen dieser Art entstehen werden, ist nicht absehbar.

Bevor sich die Finanzmärkte erholen, sollten Anleger:innen mit möglichen weiteren Schocks rechnen. Genau deshalb wollen die Märkte unbedingt Gewissheit über die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft: Können die großen Zentralbanken die niedrige und stabile Inflation wieder herstellen, an die wir uns gewöhnt hatten und die wir vermissen? Wenn ja: Was wäre nötig, um dieses Ziel zu erreichen?

Die Zentralbanken bewegen sich in hoher Geschwindigkeit auf den Endzinssatz zu, was letztlich die ehrliche Überzeugung der Entscheider widerspiegelt, dass nur entschlossenes Handeln zurück in diese komfortable Welt führen kann.

Die Schwachstellen am britischen Anleihemarkt waren ein Weckruf und lassen eine holprige Reise erwarten, was wiederum zu Unruhe an den Märkten führt. Die Märkte wollen Gewissheit, dass die Richtung stimmt. Doch Gewissheit ist in diesen Tagen ein knappes Gut.

Wichtige Hinweise zu Anlagerisiken

Der Wert der Investitionen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen, und Investoren können Verluste auf ihrer Investitionen erleiden.

Frühere Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Fonds, die in festverzinsliche Wertpapiere investieren, bergen das Risiko eines Zahlungsausfalls bei Rückzahlungen und einer Beeinträchtigung des Kapitalwerts Ihrer Investition. Außerdem kann das Ertragsniveau schwanken. Änderungen der Zinssätze haben wahrscheinlich Auswirkungen auf den Kapitalwert von festverzinslichen Wertpapieren. Unternehmensanleihen können höhere Erträge abwerfen, bergen aber auch ein höheres Kreditrisiko. Dadurch steigt das Risiko eines Zahlungsausfalls bei Rückzahlungen und einer Beeinträchtigung des Kapitalwerts Ihrer Investition. Das Ertragsniveau kann schwanken und Änderungen der Zinssätze haben wahrscheinlich Auswirkungen auf den Kapitalwert von Anleihen.

Wichtige allgemeine Hinweise

Nur für professionelle Anleger (nach den Kriterien der MiFID II-Richtlinie), die auf eigene Rechnung investieren (einschließlich Verwaltungsgesellschaften (Dachfonds) und professionelle Kunden, die im Namen ihrer diskretionären Kunden investieren). In der Schweiz nur für professionelle Anleger. Nicht für die öffentliche Verbreitung bestimmt.

Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen sind nicht als Angebot oder Angebotsaufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren zu verstehen, wenn in einem Land ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung rechtswidrig ist, wenn Personen betroffen sind, denen ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung gesetzlich nicht gemacht werden darf, oder wenn derjenige, der das Angebot oder die Aufforderung macht, dafür nicht qualifiziert ist. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen stellen keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Sie dürfen sich deshalb bei Anlageentscheidungen nicht auf den Inhalt dieses Dokuments verlassen.

Die Informationen in diesem Dokument dienen lediglich zu Bildungszwecken und stellen keine Empfehlung und kein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Anlagen dar.

Im EWR herausgegeben von der Vanguard Group (Ireland) Limited, die in Irland von der irischen Zentralbank reguliert wird.

In der Schweiz herausgegeben von Vanguard Investments Switzerland GmbH.

Herausgegeben von Vanguard Asset Management, Limited, die in Großbritannien von der Financial Conduct Authority zugelassen ist und von ihr reguliert wird.

© 2022 Vanguard Group (Irland) Limited. Alle Rechte vorbehalten.

© 2022 Vanguard Investments Switzerland GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

© 2022 Vanguard Asset Management, Limited. Alle Rechte vorbehalten.