• Wir haben unsere Wachstumserwartungen für die USA und China gesenkt und unsere Prognosen für die europäische Inflationsentwicklung und Geldpolitik angepasst.
  • Eine Rezession erwarten wir in diesem Jahr nicht, wohl aber schwächeres Wachstum.
  • In einem unsicheren Umfeld sollten Anleger langfristig denken, tagesaktuelle Nachrichten ausblenden und sich auf ihre Ziele konzentrieren.

 

Ein Kommentar von Andrew Patterson, Vanguard Senior International Economist.

Seit Jahresbeginn hat sich das wirtschaftliche Umfeld drastisch verändert. Daher haben wir unsere Wachstumserwartungen für die USA und China gesenkt und unsere Prognosen für die europäische Inflationsentwicklung und Geldpolitik angepasst.

Eine Rezession erwarten wir in diesem Jahr nicht, zahlreiche Faktoren sprechen jedoch für schwächeres Wachstum. Eine Kursänderung der US Federal Reserve halten wir für unwahrscheinlich.

USA: Die Wirtschaft wächst weiter, wenn auch langsamer

Wir haben unsere Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft in diesem Jahr auf rund 2% revidiert, zu Jahresbeginn hatten wir noch etwa 3,5% erwartet1.

Unsere Prognoseanpassung hat drei Ursachen, die bis Jahresende anhalten dürften:

  • Die Finanzkonditionen haben sich derart verschärft, dass sie wahrscheinlich das Wachstum belasten. Verantwortlich für die Verschärfung sind vor allem steigende Kreditzinsen, doch auch fallende Aktienkurse spielen eine Rolle. Aus unserer Sicht haben sich die Konditionen sehr viel deutlicher verschlechtert, als es die Erwartungen der Märkte an zukünftige Leitzinserhöhungen der Federal Reserve vermuten lassen. Die Zinsen könnten sogar über den neutralen Zinssatz (welcher die Wirtschaft weder stimuliert noch bremst) hinaus steigen, den wir zurzeit bei etwa 2,5% vermuten.
  • Die Einkommen halten nicht mit der Inflation Schritt, was die bisher soliden Fundamentaldaten der privaten Haushalte belastet. Wir rechnen mit anhaltend hohem Lohnwachstum, welches jedoch weiter hinter der Gesamtinflation (in denen die volatilen Lebensmittel- und Energiepreise enthalten sind) zurückbleiben und erst Ende 2022 wieder das Niveau der Kerninflation (ohne Lebensmittel- und Energiepreise) erreichen wird.
  • Wir erwarten sinkende Auslandsnachfrage. Die europäischen Volkswirtschaften leiden unter dem Ukraine-Krieg, das chinesische Wachstum ist aufgrund immer neuer Ausbrüche von Covid-19 deutlich unter den langfristigen Durchschnitt gefallen. Beides dürfte die US-Handelsbilanz belasten. Im ersten Quartal ist die US-Wirtschaft nicht zuletzt aufgrund sinkender Nettohandelserträge um 1,5% geschrumpft, da die Exporte zurückgegangen und die Importe gestiegen sind2. Der unerwartete Rückgang wirkt sich natürlich auch auf die Wachstumsrate für das gesamte Jahr aus.

Wir haben daher unsere Wachstumsprognosen angepasst, unsere Erwartungen für US-Arbeitsmarkt und -Inflation bleiben jedoch weitestgehend unverändert. Aufgrund des schwächeren Wachstums wird die Arbeitslosenquote kurzfristig nicht unter 3% fallen, die hohe Nachfrage nach Arbeitskräften dürfte sich schneller normalisieren.

Wir rechnen mit anhaltend hoher, gleichwohl sinkender Inflation, zu der die hohe Nachfrage ebenso beiträgt wie die angespannte Lage am Arbeitsmarkt und Lieferengpässe, die noch mindestens bis Jahresende anhalten werden. Die anhaltend hohen Energiepreise haben sich zu einem zusätzlichen Risikofaktor entwickelt, den wir genau beobachten werden.

Einen Kurswechsel der Fed bis Jahresende erwarten wir nicht und gehen weiterhin davon aus, dass der Leitzins um weitere 100 bis 150 Basispunkte (BP) steigen wird. Seit Jahresbeginn hat die Fed die Zinsen bereits um 75 BP auf 0,75% bis 1,0% angehoben.

Parallel wird die Fed ihr QE-Programm (Quantitative Easing) der letzten Jahre umkehren und ihre Bilanz verkürzen.

Europa: steigende Inflation bedeutet noch höhere Zinsen

Etwas anders ist die Lange in der Eurozone: Hier erwarten wir inzwischen mehr Zinserhöhungen als noch zu Beginn des Jahres. In Europa hat die annualisierte Inflationsrate im Quartalsvergleich inzwischen zweistellige Werte erreicht, weshalb die Europäische Zentralbank (EZB) der Inflationsbekämpfung jetzt mehr Gewicht einräumt.

Daher passen auch wir unsere Prognosen an:

  • Die europäische Wirtschaft verliert an Schwung; solange Russland seine Erdgaslieferungen nicht einstellt, ist eine Rezession jedoch unwahrscheinlich. Noch zu Jahresbeginn hatten wir 4% Wachstum erwartet, jetzt gehen wir von rund 2,5% aus. Eine Rezession in diesem Kalenderjahr halten wir für unwahrscheinlich, sofern die russischen Gasimporte nicht drastisch sinken.
  • Die annualisierte Inflationsrate liegt um 15% über dem Wert vom Vorquartal (gemessen am VPI). Wir haben unsere Inflationsprognose für dieses Jahr auf durchschnittlich 7,5% bis 8% angehoben, zuvor waren wir von 6,5% bis 7% ausgegangen. Besonders akut wirken der drastische Anstieg der Lebensmittel- und Energiepreise, die Inflation hat jedoch inzwischen die gesamte Wirtschaft erfasst, insbesondere den Dienstleistungssektor.
  • Die EZB hat erkannt, dass sich die Lage verändert hat. Die wichtigsten EZB-Vertreter zeigen sich mittlerweile offen für aggressivere Schritte.
  • Wir gehen jetzt von Zinserhöhungen in der Größenordnung von 100 bis 125 Basispunkten in diesem Jahr aus, unsere bisherige Prognose lag bei lediglich 50 Basispunkten. Der Einlagenzinssatz der EZB dürfte damit zum ersten Mal seit 2011 über der Nullmarke liegen und bis Ende des Jahres auf 0,5% bis 0,75% steigen.
  • Wir gehen davon aus, dass der Leitzins Mitte nächsten Jahres den neutralen Zinssatz (rund 1,5%) übersteigen und bis Ende 2023 2,5% erreichen wird. In den aktuellen Anleihekursen sind lediglich rund 2,0% eingepreist.

China: Die chinesische Regierung wird ihr Wachstumsziel für dieses Jahr wahrscheinlich verfehlen

Wir erwarten für das laufende Jahr eine Wachstumsrate von knapp über 3% und liegen damit etwas unter den Konsensprognosen und deutlich unter dem staatlichen Ziel von rund 5,5%. 3% sind immer noch viel, für China wird es sich jedoch im Vergleich zu den vorherigen Jahren wie eine Rezession anfühlen.

Wir haben unsere Prognosen aus drei Gründen angepasst:

  • Chinas Null-Covid-Politik hat deutliche Spuren hinterlassen. Aufgrund der Lockdowns fielen die Wirtschaftsindikatoren im zweiten Quartal schwächer aus als erwartet, was sich auch auf das Gesamtjahr auswirken wird. Immerhin dürfte das Land die Talsohle bereits im Mai erreicht haben.
  • Eine Wiederholung des Aufschwungs aus dem Vorjahr ist unwahrscheinlich. Auch wenn sich die chinesische Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte erholen sollte, wird sie nicht annähernd an das robuste Tempo der zweiten Jahreshälfte 2021 anschließen können. Den absehbaren Konjunkturmaßnahmen wirken zu viele Kräfte entgegen.
  • Weitere Covid-Ausbrüche sind nicht auszuschließen. Noch gravierender wirkt jedoch Chinas anhaltende Null-Covid-Politik, die wirtschaftliche Belastungen bei zukünftigen Ausbrüchen unausweichlich macht.

Daher erwarten jetzt weniger Wachstum als die 5%, die wir zu Jahresbeginn prognostiziert hatten, und liegen auch unter den Konsensschätzungen von 4 bis 5%.

Die Zinspolitik der Federal Reserve hat Folgen für die Weltwirtschaft

Eine globale Rezession ist weiterhin unwahrscheinlich, doch die Lage ist instabil und die Federal Reserve wird bei zukünftigen Entscheidungen bestimmte Indikatoren genau beobachten. Die nachstehende Grafik zeigt die Simulation von Vanguard, wie aggressiv die US-Notenbank die Zinsen in drei verschiedenen Szenarien anheben würde.

Drei Szenarien für die US-Leitzinsen

Hinweise: Die Abbildung zeigt die Entwicklung der US-Leitzinsen für jedes der drei Szenarien. Die Prognosen beruhen auf Modellschätzungen von Vanguard. Die jeweiligen Prognosen für die Endraten und den Zeitplan der Federal Reserve beruhen auf einer Kombination aus Modellschätzungen und subjektiver Analyse.

Quellen: Vanguard Modellschätzungen auf Grundlage von Daten von Refinitiv, Moody's und Bloomberg.

Die US-Notenbank muss das richtige Gleichgewicht finden und sowohl die Inflation eindämmen als auch den Druck vom Arbeitsmarkt nehmen. Kühlt die Wirtschaft zu deutlich ab, würde die Fed wahrscheinlich das Tempo der Zinserhöhungen reduzieren. 

Genau wie die amerikanische Zentralbank werden auch wir die dynamische Entwicklung genau beobachten.

Wir stellen unsere Einschätzungen in jedem Umfeld laufend auf den Prüfstand; dass wir jetzt jedoch unsere globalen Prognosen so zahlreich anpassen, spricht für die hohe Unsicherheit durch die aktuellen politischen und geopolitischen Risiken sowie die anhaltenden globalen Lieferstörungen.

1 Auf Basis der prozentualen Veränderung zwischen dem 4. Quartal 2021 und dem 4. Quartal 2022.

2 Importe werden vom BIP abgezogen, da diese außerhalb der USA produziert werden.

Wichtige Hinweise zu Anlagerisiken

Der Wert der Investitionen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen, und Investoren können Verluste auf ihrer Investitionen erleiden.

Die frühere Wertentwicklung gibt keinen verlässlichen Hinweis auf zukünftige Ergebnisse.

Wichtige allgemeine Hinweise

Nur für professionelle Anleger (nach den Kriterien der MiFID II-Richtlinie), die auf eigene Rechnung investieren (einschließlich Verwaltungsgesellschaften (Dachfonds) und professionelle Kunden, die im Namen ihrer diskretionären Kunden investieren).  In der Schweiz nur für professionelle Anleger. Nicht für die öffentliche Verbreitung bestimmt.

Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen sind nicht als Angebot oder Angebotsaufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren zu verstehen, wenn in einem Land ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung rechtswidrig ist, wenn Personen betroffen sind, denen ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung gesetzlich nicht gemacht werden darf, oder wenn derjenige, der das Angebot oder die Aufforderung macht, dafür nicht qualifiziert ist. Die in diesem Dokument enthaltenen Informationen stellen keine Rechts-, Steuer- oder Anlageberatung dar. Sie dürfen sich deshalb bei Anlageentscheidungen nicht auf den Inhalt dieses Dokuments verlassen.

Im EWR herausgegeben von der Vanguard Group (Ireland) Limited, die in Irland von der irischen Zentralbank reguliert wird
In der Schweiz herausgegeben von Vanguard Investments Switzerland GmbH
Herausgegeben von Vanguard Asset Management, Limited, die in Großbritannien von der Financial Conduct Authority zugelassen ist und von ihr reguliert wird.

© 2022 Vanguard Group (Irland) Limited. Alle Rechte vorbehalten.
© 2022 Vanguard Investments Switzerland GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
© 2022 Vanguard Asset Management, Limited. Alle Rechte vorbehalten.