Ein Kommentar von Andrew Patterson, Vanguard Senior International Economist 

 

  • Die Weltwirtschaft wird voraussichtlich auch in diesem Jahr wachsen, einige Volkswirtschaften stehen jedoch am Rande einer Rezession.
  • Wir haben unsere Inflationsprognosen angehoben und gehen davon aus, dass die Zinsen schneller und deutlicher steigen werden als ursprünglich erwartet.
  • Da die Aktienbewertungen gesunken und die Zinsen gestiegen sind, erwarten wir langfristig höhere Renditen für Aktien und Anleihen.

 

Seit der Veröffentlichung unseres Marktausblicks 2022 ist viel passiert. Zu Beginn des Jahres waren wir noch davon ausgegangen, dass sich die Weltwirtschaft weiter von der Pandemie erholen würde, wenn auch nicht mehr so schnell wie im vergangenen Jahr. Zwar halten wir an dieser Prognose fest, doch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten – Inflation, Wachstum und Geldpolitik – bewegen sich nicht in dem Tempo, das wir erwartet hatten.

Lieferengpässe und die angespannte Lage am Arbeitsmarkt heizen die Inflation bereits seit dem letzten Jahr an, doch der russische Angriff auf die Ukraine und die chinesische Null-Covid-Politik haben die Situation zusätzlich verschärft. Die Zentralbanken sehen sich zu einer Aufholjagd gezwungen und heben die Zinsen jetzt schneller (und möglicherweise deutlicher) an als zuvor erwartet und riskieren dabei auch eine Rezession.

Die Weltwirtschaft wird voraussichtlich auch in diesem Jahr wachsen, einige Volkswirtschaften stehen jedoch bereits am Rande einer Rezession – wenn nicht in diesem Jahr, dann im nächsten.

Rezessionswahrscheinlichkeit in wichtigen Wirtschaftsräumen

Quelle: Vanguard Prognosen; Stand: 7. Juli 2022.

 

Seit Jahresbeginn haben wir unsere Wachstumsprognosen für alle wichtigen Wirtschaftsräume nach unten korrigiert und unsere Inflationsprognosen angehoben. Außerdem gehen wir davon aus, dass die Zinssätze schneller und noch deutlicher steigen werden.

Vanguard Prognosen für das Jahresende 2022

  Wirtschaftswachstum Gesamtinflation Geldpolitik Arbeitslosenquote
USA c.1.5% 7%-7.5% 3.25%-3.75% 3%-3.5%
Eurozone 2%-3% c.8%-8.5% 0.5%-0.75% c.7%
Großbritannien 3.5%-4% c.10% 2.25%-2.5% c.4%
China c.3% < 2.5% 2.75% c.5.5%

Hinweise: Neue Daten beeinflussen die Prognosen, sodass sich unsere Einschätzungen zwangsläufig ändern. „Wirtschaftswachstum“ bezeichnet die Veränderung der jährlichen Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr. Die Gesamtinflation wird gemessen am Verbraucherpreisindex, der auch die volatilen Lebensmittel- und Energiepreise abbildet. „Zinssätze“ entsprechen unseren Jahresendprognosen für den Zielsatz der kurzfristigen Leitzinsen der jeweiligen Zentralbank.

Quelle: Vanguard Prognosen; Stand: 7. Juli 2022.

 

Inflation und Politik sorgen für höhere Rezessionsrisiken

In den USA hat die Inflation den höchsten Stand seit 40 Jahren erreicht. Die Kaufkraft der Verbraucher:innen schwindet, die Federal Reserve sieht sich zu aggressiven Zinsanhebungen gezwungen. Für das Gesamtjahr erwarten wir einen Zielwert von 3,25 bis 3,75% und damit 12 bis 14 Erhöhungen um 25 Basispunkte bzw. äquivalente Zinsschritte. Im kommenden Jahr erwarten wir einen Höchstwert1 von mindestens 4%, was nach unserer Einschätzung über dem neutralen Zinssatz von 2,5%2 und auch über den aktuell eingepreisten Prognosen liegt.

Unsere Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft haben wir von rund 3,5% zu Jahresbeginn auf rund 1,5% gesenkt. Die Faktoren, die uns zu einer Anpassung unserer Prognosen veranlasst haben, werden wahrscheinlich bis 2022 anhalten, insbesondere die Verschärfung der Finanzkonditionen, sinkende Reallöhne und die schwache Nachfrage nach US-Exporten.

Bis Jahresende ist in Anbetracht der Lage am Arbeitsmarkt nicht mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote zu rechnen, aufgrund der restriktiveren Geldpolitik und sinkenden Nachfrage dafür umso mehr im kommenden Jahr. Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Rezession auf etwa 25% in den nächsten 12 und 65% in den nächsten 24 Monaten.

Eine Phase hoher Inflation und stagnierenden Wachstums halten wir für wahrscheinlicher als eine „weiche Landung“, bei der das Wachstum und die Arbeitslosenquote weiterhin um oder über ihrem längerfristigen Gleichgewichtspunkt liegen würden (etwa 2% Wachstum bei einer Arbeitslosenquote von 4%).

Eurozone und Großbritannien

In der Eurozone steigt die Inflation vor allem aufgrund höherer Energiepreise und könnte im dritten Quartal knapp 9% erreichen. Da die Preise inzwischen flächendeckend steigen, hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) für einen Zinserhöhungsplan entschieden, den sie für nachhaltig erachtet.  Im September werden die Leitzinsen wahrscheinlich zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt die Nullmarke durchbrechen.

Für den Euroraum erwarten wir in diesem Jahr ein Wachstum von 2,5 bis 3%; da Europa von russischem Gas abhängig ist und die EZB die Geldpolitik für 19 Länder festlegen muss, ist das Rezessionsrisiko in der Eurozone in den nächsten 12 Monaten jedoch höher als in den USA. Sollte Russland seine Gaslieferungen vollständig einstellen, drohen Rationierung und eine Rezession.

Auch in Großbritannien werden die Energiepreise die Gesamtinflation bis Ende des Jahres voraussichtlich auf etwa 10% ansteigen lassen. Wir schätzen den neutralen Zinssatz in Großbritannien auf 2,5%2 und gehen davon aus, dass die Bank of England (BoE) ihren Leitzins in den nächsten 12 Monaten entsprechend um insgesamt 1,25 Prozentpunkte anheben wird. Die BoE hat zudem signalisiert, die Zinsen je nach Wirtschafts- und Inflationsentwicklung bei Bedarf auch um mehr als 0,25 Prozentpunkte pro Sitzung anzuheben.

Selbst bei steigender Inflation und einer Konjunkturabkühlung erwarten wir in Anbetracht der rekordhohen Zahl offener Stellen (die Arbeitslosigkeit liegt auf einem 50-Jahres-Tief) einen robusten Arbeitsmarkt. Allerdings könnten ein Rückgang der Reallöhne, das schwindende Vertrauen der Verbraucher:innen und Unternehmen sowie steigende Finanzierungskosten die britische Wirtschaft in eine Rezession stürzen.

Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit einer Rezession im Vereinigten Königreich auf etwa 50% in den nächsten 12 Monaten. Für das Jahr 2022 haben wir unsere Wachstumsprognose von 5,5% auf 3,5 bis 4% gesenkt, zudem könnte der anstehende Regierungswechsel für politische Unsicherheit sorgen.

China und Schwellenländer

China wird sein Wachstumsziel von rund 5,5% deutlich verfehlen, zumal ein solche Rate kaum mit den anderen Zielen der Regierung – Finanzstabilität und Null-Covid – vereinbar ist.

Tatsächlich dürfte die chinesische Wachstumsrate in diesem Jahr nur knapp über 3% liegen, womit das Land deutlich hinter dem Tempo vergangener Jahre zurückbliebe. Null-Covid bedeutet außerdem, dass weitere Ausbrüche erneute Lockdowns nach sich ziehen und das Wachstum damit weiter abwürgen würden.

Unsere diesjährige Wachstumsprognose für die Schwellenländer haben wir ebenfalls von rund 5,5% auf etwa 3% gesenkt. Die Konjunkturabkühlung in den USA, im Euroraum und in China stellt die Schwellenländer weiterhin vor Probleme, ebenso wie die restriktivere Geldpolitik in den Industrieländern sowie die Inflation im In- und Ausland. Auch wenn einzelne Schwellenländer von den steigenden Rohstoffpreisen profitieren, wirken diese insgesamt dennoch negativ.

Steigende Renditeprognosen

Die Aktien- und Anleihemärkte stehen seit Jahresbeginn erheblich unter Druck, fallende Kurse haben jedoch auch eine gute Seite: Da die Aktienbewertungen gesunken und die Zinsen gestiegen sind, weist das Vanguard Capital Markets Model (VCMM)*, ein von Vanguard entwickeltes Simulationsprogramm für die Finanzmärkte, in der aktuellen Simulation höhere erwartete Renditen aus als zu Beginn des Jahres.

Für die meisten Aktienmärkte liegen unsere annualisierten 10-Jahres-Renditeprognosen um einen Prozentpunkt höher als noch Ende 2021; auch unsere Renditeprognosen für Anleihen sind um etwa 1,5 Prozentpunkte gestiegen. Steigende Zinsen können zunächst zu fallenden Anleihekursen führen, bedeuten jedoch höhere zukünftige Erträge, da Kuponzahlungen in höher verzinste Anleihen reinvestiert werden können.

Ausblick auf die Aktien- und Anleihemärkte

*WICHTIGER HINWEIS: Die Prognosen sowie andere Informationen, die von dem VCCM generiert werden und die Wahrscheinlichkeit verschiedener Anlageergebnisse zum Gegenstand haben, sind naturgemäß hypothetisch, stellen keine tatsächlichen Anlageergebnisse dar und garantieren keine zukünftigen Erträge. Die Verteilung der Renditeergebnisse des VCMM wird aus 10.000 Simulationen für jede modellierte Assetklasse abgeleitet. Simulationen per 31. Mai 2022 sowie per 31. Dezember 2021. Die Ergebnisse des Modells können mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit variieren. Weitere Angaben finden Sie im Abschnitt „Informationen zu Anlagerisiken“ weiter unten.

Quelle: Vanguard. Hinweise: Die Zahlen beruhen auf einer Bereichsleiste mit einer Genauigkeit von 1 Punkt für Aktien bzw. 0,5 Punkten für Anleihen (jeweils um das 50. Perzentil). Für die VCCM-Simulationen werden folgende Indizes (in Klammern) verwendet: Aktien Euroraum (MSCI European Economic and Monetary Union (EMU) Index); Aktien Welt ohne Euroraum (MSCI AC World ex EMU Index); Anleihen Euroraum (Bloomberg Euro-Aggregate Bond Index); Anleihen Welt ohne Euroraum (Bloomberg Global Aggregate ex Euro Index). Alle Renditen in EUR.

 

1 Dieser Wert wird im Englischen auch als „Terminal Rate“ bezeichnet und gibt den Endpunkt eines Zinserhöhungszyklus an.

2 Der neutrale Zinssatz ist der theoretische Zinssatz, der die Wirtschaft weder ankurbelt noch belastet.

Wichtige Hinweise zu Anlagerisiken:

Der Wert von Anlagen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen. Anleger:innen können Verluste auf ihre Investitionen erleiden.

Die frühere Wertentwicklung gibt keinen verlässlichen Hinweis auf zukünftige Ergebnisse.

Jegliche Prognosen sollten als hypothetischer Natur betrachtet werden und spiegeln keine zukünftigen Ergebnisse wider bzw. garantieren diese nicht.

 

Über das Vanguard Capital Markets Model:

WICHTIGER HINWEIS: Die Prognosen sowie andere Informationen, die von dem Vanguard Capital Markets Model generiert werden und die Wahrscheinlichkeit verschiedener Anlageergebnisse zum Gegenstand haben, sind naturgemäß hypothetisch, stellen keine tatsächlichen Anlageergebnisse dar und garantieren keine zukünftigen Erträge. Die Ergebnisse des Modells werden mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit variieren.

Die Prognosen des VCMM basieren auf statistischen Analysen und historischen Daten. Zukünftige Renditen können von den im VCMM erfassten historischen Mustern abweichen. Noch wichtiger ist jedoch, dass das VCMM extrem negative Szenarios unterschätzen kann, die in den historischen Zeiträumen, auf denen die Modellschätzungen beruhen, nicht vorkamen.

Das Vanguard Capital Markets Model® ist ein proprietäres Finanzsimulationstool, das von der Investment Strategy Group von Vanguard entwickelt und gepflegt wird. Das Modell prognostiziert die Verteilung zukünftiger Renditen für zahlreiche Assetklassen. Zu diesen Assetklassen gehören die US-amerikanischen und internationalen Aktienmärkte, US-Treasuries und Unternehmensanleihen mit verschiedenen Laufzeiten, internationale Anleihemärkte, US-Geldmärkte, Rohstoffe sowie bestimmte alternative Anlagestrategien. Die theoretische und empirische Grundlage des Vanguard Capital Markets Model ist die Beziehung zwischen Rendite und Risiko: Die Renditen zahlreicher Assetklassen sind der von Anlegern im Gegenzug für bestimmte Arten von systematischem Risiko (Beta) verlangte Ausgleich. Den Kern des Modells bilden Schätzungen der dynamischen statistischen Beziehung zwischen Risikofaktoren und Vermögensrenditen, die durch statistische Analysen auf der Grundlage verfügbarer monatlicher Finanz- und Wirtschaftsdaten gewonnen werden. Mithilfe eines Systems von Gleichungsschätzungen führt das Modell eine Monte Carlo-Simulation durch, um die geschätzten Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und Assetklassen sowie Ungewissheit und Zufälle langfristig zu prognostizieren. Das Modell generiert eine große Anzahl simulierter Ergebnisse für jede Assetklasse über verschiedene Zeiträume. Die Prognosen werden durch Berechnung der Zentraltendenzen in diesen Simulationen gewonnen. Die Ergebnisse des Modells variieren mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit.

 

Wichtige allgemeine Hinweise

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