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Renteneintritt bei sinkenden Kursen – behalten Sie die Risiken im Griff

19 Oktober 2020
Finanzberatung

Von Ankul Daga, Senior Investment Strategist, Vanguard Europe

Die meisten Anleger verstehen, dass man mit Schwankungen am Markt rechnen muss und dass sich diese Schwankungen langfristig betrachtet meist ausgleichen. Für Ruheständler können die Höhen und Tiefen der Investmentmärkte jedoch weitreichende Auswirkungen auf die Zeit danach haben, für die sie so hart gespart haben – das dürften alle, die dieses Jahr in Rente gegangen sind, gespürt haben.

Das Problem, dem sich diese Rentner gegenübersehen, wird als „Sequence-of-Return-Risiko“ (SORR) bezeichnet. Es bezieht sich auf die zeitliche Abfolge, in der ein Portfolio mit fallenden und steigenden Märkten konfrontiert ist. Die Bedeutung des SORR ist so groß, dass wenige Monate einen echten Unterschied im Hinblick auf den endgültigen Wert eines Portfolios machen können.

Kern des Problems ist der Zinseszins. Dieser wirkt sich üblicherweise zugunsten regelmäßiger Anleger aus, ist aber für alle, die Entnahmen bei fallenden Kursen vornehmen, verheerend. Bei Investitionen in steigenden Märkten nutzt man die Wirkung des Zinseszinses: Man erzielt eine Rendite für das investierte Kapital und im folgenden Jahr zusätzlich für dieses und die reinvestierten Zinsen.

Wenn man allerdings in fallenden Märkten in Rente geht und in der Folge Auszahlungen vornimmt, wirkt sich der Zinseszinses negativ aus. Die Renditen, die ohnehin schon sinken, sinken weiter, weil man dem Portfolio Kapital entzieht. Wenn man also in fallenden Märkten genauso viel Kapital wie in den Vorjahren entnimmt, geht dies zu einem größeren Teil zulasten des Portfolios, das dadurch schneller aufgebraucht wird. Bis sich die Märkte wieder erholen, hat es bereits deutlich an Wert verloren.

Welchen Unterschied ein einziges Jahr machen kann

Auf Basis von Daten aus den USA wollen wir uns zwei hypothetische Anleger anschauen, um die langfristigen Auswirkungen des SORR zu verdeutlichen – das Prinzip lässt sich aber auf andere Länder übertragen. Der erste Investor ist im Januar 1973 in den Ruhestand gegangen, zu Beginn der siebtschlimmsten Baisse in der US-Geschichte. Der zweite hat sich ein Jahr später zur Ruhe gesetzt, als der Bärenmarkt bereits seinen Tiefpunkt erreicht hatte und anfing, sich allmählich zu erholen. Beide sind von einer Ruhestandsphase von 35 Jahren ausgegangen.

Wir nehmen an, dass beide zu Beginn ihres Ruhestands über ein Portfolio im Wert von 500.000 US-Dollar verfügten, das zu gleichen Teilen aus US-Aktien und US-Anleihen bestand (damals noch eine typische Allokation). Wir gehen weiter davon aus, dass jeden Monat die ursprüngliche Gewichtung im Portfolio wiederhergestellt wurde und beide Anleger die Absicht hatten, sich jedes Jahr inflationsbereinigt 25.000 US-Dollar auszuzahlen.

Der Ruhestand der beiden Anleger überschneidet sich für 34 der insgesamt 35 Jahre. Wenn sie im Laufe ihres Ruhestands keinerlei Entnahmen vorgenommen hätten, wären die erzielten Renditen weitgehend ähnlich gewesen: eine reale Rendite von 5,23 % pro Jahr bei Eintritt in den Ruhestand 1973 und eine reale Rendite von 5,10 % bei Eintritt in den Ruhestand 1974.

Auf den ersten Blick ist der Anleger von 1973 zu einem etwas günstigeren Zeitpunkt in den Markt eingetreten, was eine leicht höhere durchschnittliche Jahresrendite ermöglichte. Wenn beide Anleger dem Portfolio jedoch regelmäßig 25.000 US-Dollar pro Jahr (5 % des anfänglichen Portfolios) entnommen hätten, wäre das Ergebnis extrem unterschiedlich ausgefallen.

Nach 23 Jahren hätte der Rentner aus dem Jahr 1973 sein Geld vollständig aufgebraucht. Im Gegensatz dazu hätte der 1974 pensionierte Mann in den allermeisten der insgesamt 35 Jahre ein Saldo von 300.000 US-Dollar beibehalten und etwa ein Viertel des ursprünglichen Betrags vererben können.

Ein Jahr kann viel ausmachen

Quelle: Die Vanguard-Berechnungen basieren auf Daten von Morningstar, Inc., der Federal Reserve Bank of St. Louis sowie der Ken French Data Library, http://mba.tuck.dartmouth.edu/pages/faculty/ken.french/data_library.html.

Hier zeigen sich die Auswirkungen des SORR auf eindrucksvolle Weise: Eine Verrentung im Abstand von einem einzigen Jahr kann drastische Unterschiede bei der Portfolioperformance bewirken.

Das liegt ganz einfach daran, dass sich die niedrigen Kurse bei Renteneintritt und Beginn der Entnahmen für den Rentner von 1973 mit voller Wucht ausgewirkt haben – um sich anschließend fortzusetzen und erst im Oktober 1974 einen Tiefstand zu erreichen. Der Anleger aus dem Jahr 1974 hat hingegen nur neun oder zehn Monate dieser Marktschwäche mitgenommen und insofern haben sich seine anfänglichen Entnahmen im fallenden Marktumfeld langfristig weniger stark auf den Portfoliowert ausgewirkt.

Die Lösung? Dynamische Entnahmen

Die Anleger sind machtlos, was das Geschehen an den weltweiten Finanzmärkten angeht. Sie haben jedoch die Möglichkeit, die Auswirkungen fallender Kurse abzumildern, indem sie eine andere, flexiblere Entnahmestrategie verfolgen.

Die Lösung ist einfach: Bei fallenden Märkten wird weniger Geld aus dem Portfolio abgezogen. Dies bezeichnen wir als „dynamische Entnahme“. Bei einer dynamischen Entnahmestrategie passen die Ruheständler ihre Auszahlungen an die jeweilige Marktperformance an. War also das Jahr für die Märkte schlecht, ziehen sie weniger Geld ab als ursprünglich geplant – jedoch ist die Summe, auf die verzichtet werden muss, überraschend gering.

Das kann bedeuten, dass der Gürtel eine Zeit lang enger geschnallt werden muss, was durchaus schwerfallen kann, führt aber langfristig dazu, den Verlust zukünftigen Einkommens erheblich abzumildern. Wenn die Märkte sich erholen, sind mit der dynamischen Entnahmestrategie auch höhere Auszahlungen möglich, sodass man seine gut geplante Ruhestandsstrategie genießen kann.

Ober- und Untergrenzen festlegen

Dabei ist es am einfachsten, von dynamischen Entnahmen zu profitieren, wenn man Formeln festlegt, um zu berechnen, wie viel Einkommen jedes Jahr entnommen werden kann. Wir haben ein anfängliches Entnahmeziel in Höhe von 25.000 US-Dollar festgelegt, was 5 % des Portfoliobestands entspricht, genau wie bei der Strategie mit festgelegten Entnahmen aus unserem vorherigen Beispiel. Für das nächste Jahr haben wir erneut 5 % des Portfolioguthabens berechnet und das Ergebnis mit der Entnahme des Vorjahres verglichen. Wenn der neue Wert höher war, haben wir ihn auf eine vorab festgelegte Obergrenze (5 % über der Entnahme des Vorjahres) aufgestockt.

Wenn der neue Wert jedoch niedriger war, wurde die Entnahme entsprechend gesenkt, jedoch nicht unterhalb einer vorab festgelegten Untergrenze (2 % unter der Entnahme des Vorjahres). Je niedriger die Untergrenze angesetzt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Altersvermögen aufgebraucht wird. Aber wie wir sehen werden, machen selbst 2 % hier langfristig einen erheblichen Unterschied.

Dieses Vorgehen wurde jedes Jahr wiederholt, wobei die Entnahmen in Abhängigkeit der Veränderungen des Portfoliowerts reduziert oder erhöht wurden.

Dynamische Entnahmen in der Praxis

Eine dynamische Entnahmestrategie bedeutet für Pensionäre, dass sie möglicherweise vorübergehend mit weniger Geld auskommen müssen, als ihnen lieb ist – insbesondere wenn die Märkte für mehrere Jahre in Folge nachgeben. Allerdings hat unsere Analyse1 der wichtigsten Baissen des 20. Jahrhunderts gezeigt, dass das Risiko, im Alter schlecht dazustehen, durch diese kurzfristigen Sparmaßnahmen deutlich reduziert werden kann. Unsere Modelle zur Analyse der Performance von Rentenportfolios in den sechs großen Bärenmärkten des 20. Jahrhunderts haben ergeben, dass dynamische Entnahmen das Risiko eines Kapitalverzehrs ausschalten konnten – selbst für diejenigen, die in den schlimmsten Zeiten der Weltwirtschaftskrise oder während der Tumulte der späten 1960er- und 1970er-Jahre ihren Ruhestand begannen.

Das heißt allerdings nicht, dass sich das Pech, ausgerechnet zu Zeiten einer Baisse in Rente zu gehen, durch dynamische Entnahmen allein voll ausgleichen lässt. Im Durchschnitt lag das verfügbare Einkommen in dem von uns untersuchten Zeitraum von 35 Jahren inflationsbereinigt bei etwa 20.000 US-Dollar und damit 21 % unter dem ursprünglich geplanten Betrag von 25.000 US-Dollar pro Jahr. Dieses Ergebnis ist weitgehend vergleichbar mit der Erfahrung von Personen, die sich für eine Strategie mit festgelegten Entnahmen entschieden haben.

Einen entscheidenden Unterschied macht die dynamische Strategie, wenn es darum geht, das Risiko eines Kapitalverzehrs zu reduzieren oder eine deutlich größere Erbschaft zu hinterlassen. So haben unsere Modelle gezeigt, dass bei Personen, die eine Strategie mit festen Entnahmen wählten und die zu Beginn eines Bärenmarktes in Rente gingen, der durchschnittliche Endbetrag ihres Portfolios 44.000 US-Dollar betrug. Hingegen lag der durchschnittliche Portfoliowert von Personen, die ebenfalls mit Beginn einer Baisse in Rente gingen, aber eine dynamische Entnahmestrategie wählten, bei 229.000 US-Dollar – und damit bei immerhin 38 % des anfänglichen Portfoliowerts statt gerade mal 9 %. Dieser Mehrwert von 29 % war wesentlich höher als bei Personen, die irgendwann im Laufe einer Baisse in Rente gingen. Aber auch bei diesen war das Ergebnis der dynamischen Entnahmestrategie um 12 % höher. Daraus lässt sich schließen, dass dynamische Entnahmen für diejenigen besonders effektiv sind, die am stärksten vom SORR betroffen sind.

Der Grund für diese besseren Ergebnisse sind die niedrigeren Auszahlungen in Phasen fallender Kurse. Dabei ist die Einschränkung relativ gering. In den ersten fünf Jahren ihres Ruhestands verzeichnet eine durchschnittliche Person, die zu Beginn einer Baisse in Rente gegangen ist, eine Einkommenslücke in Höhe von 4,5 %. Eine Person, die irgendwann im Laufe eines Bärenmarktes in Rente gegangen ist, erzielt hingegen sogar einen Einkommensüberschuss von 2 %, da das Einkommen bei der dynamischen Entnahmestrategie nach oben korrigiert wird, wenn sich die Märkte erholen.

Wie aber hätte sich das Vermögen unseres Rentners von 1973 aus dem oben angeführten Beispiel entwickelt, wenn er eine solche dynamische Entnahmestrategie verfolgt hätte? Statt nach 23 Jahren alles aufgebraucht zu haben – ein katastrophales Ergebnis – hätte sein Portfolio nach 35 Jahren immer noch 50 % seines Ursprungswertes bewahrt!

Eine dynamische Entnahmestrategie kann viel bewirken

Quelle: Die Vanguard-Berechnungen basieren auf Daten von Morningstar, Inc., der Federal Reserve Bank of St. Louis sowie der Ken French Data Library, http://mba.tuck.dartmouth.edu/pages/faculty/ken.french/data_library.html.

Um dies zu erreichen, müssen im Vergleich zu einer Strategie mit festgelegten Entnahmen nur kurzfristig geringe Einschnitte in Kauf genommen werden. Betrachtet man die gesamte 35-jährige Rentenphase, so sind keine wesentlichen Unterschiede hinsichtlich der Summe der Entnahmen bei den beiden Strategien zu beobachten. Das macht dynamische Entnahmen zu einem so wertvollen Instrument: Sie schützen vor dem Risiko, dass das Kapital komplett aufgebraucht wird, und geben Ruheständlern Sicherheit im Alter.

 

1 Absicherung der Rente während einer Baisse, Juni 2020: https://static.vgcontent.info/crp/intl/avw/mexico/documents/safeguarding-retirement-in-a-bear-market.pdf

Wichtige Hinweise zu Anlagerisiken

Der Wert von Anlagen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen, und Investoren können Verluste auf ihre Investitionen erleiden. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge.

Diese Leistungszahlen werden in US-Dollar berechnet, und die Rendite kann aufgrund von Währungsschwankungen steigen oder sinken. Jegliche Projektionen sollten als hypothetisch angesehen werden und spiegeln oder garantieren keine zukünftigen Ergebnisse wider.

Fonds, die in festverzinsliche Wertpapiere investieren, tragen das Risiko eines Ausfalls bei der Rückzahlung und einer Erosion des Kapitalwerts Ihrer Anlage, und die Höhe der Erträge kann schwanken. Bewegungen bei den Zinssätzen werden sich wahrscheinlich auf den Kapitalwert der festverzinslichen Wertpapiere auswirken.

Unternehmensanleihen können höhere Renditen bieten, aber als solche können sie mit einem größeren Kreditrisiko verbunden sein, das das Risiko des Ausfalls bei der Rückzahlung und der Erosion des Kapitalwerts Ihrer Investition erhöht. Die Höhe des Einkommens kann schwanken, und Bewegungen bei den Zinssätzen werden sich wahrscheinlich auf den Kapitalwert von Anleihen auswirken. Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

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