Zum Inhalt springen

Warum Öl für die Weltwirtschaft an Bedeutung verliert

18 Februar 2020
Finanzmarktanalysen

Im Vergleich zu früheren Jahren hat der Rohölpreis an Bedeutung verloren. Diversifizierte Anleger (von der Weltwirtschaft ganz zu schweigen) könnten profitieren, wenn sich die Welt unabhängiger von Öl aus dem Nahen Osten macht.

Zwischen 2011 und 2014 kostete ein Barrel Öl regelmäßig über 100 Dollar, im Jahr 2008 kletterte der Ölpreis sogar auf 140 Dollar. Im Vergleich dazu sehen die heutigen Preise bescheiden aus1. Doch hinter dem Bedeutungsverlust von Öl steckt noch mehr: Sofern dramatische Ereignisse ausbleiben – etwa eine längere Schließung der Straße von Hormuz, durch die täglich etwa 20 % des weltweiten Rohölbedarfs transportiert werden – gehen Vanguard Analysten davon aus, dass das steigende Angebot und sinkendes Nachfragewachstum die Preise unweit von ihrem heutigen Niveau deckeln könnten2.

Preisausschläge bei Rohöl dürften „in absehbarer Zukunft bescheiden und von kurzer Dauer sein“, so Maria Colangelo, leitende Analystin für Anleihen der Vanguard Fixed Income Group, die den Energiesektor seit zwei Jahrzehnten beobachtet.

Eine effektive Preisgrenze für Rohöl könnte Inflation und Nominalzinsen im Zaum halten, Anleger mit diversifizierten Aktien- und Anleiheportfolios könnten davon ebenso profitieren wie die Weltwirtschaft.

 

Warum ein großes Angebot die Preise einfrieren könnte

Obwohl die Spannungen auf geopolitischer Ebene zuzunehmen scheinen, dürften sich ihre Auswirkungen auf den Ölpreis in Grenzen halten. Maria Colangelo und Jonathan Lemco, Senior Strategist der Vanguard Investment Strategy Group, nennen drei Gründe, die für moderate Ölpreise sprechen. Alle drei betreffen die Angebotsseite:

  • Die weltweiten Rohölbestände sind ebenso wie die Kapazitätsreserven relativ hoch Die Ölreserven der OECD-Mitglieder (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung der Industriestaaten) liegen über dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Wir schätzen außerdem, dass Saudi-Arabien Kapazitätsreserven für rund 3 Millionen Barrel pro Tag hat3.
  • Das Ölangebot aus Ländern außerhalb der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) hat zugenommen, Saudi-Arabien ist nicht mehr der einzige große „Ausgleichsproduzent“. Russland und die Vereinigten Staaten haben ihren Anteil an der globalen Ölproduktion ausgebaut. Allein die Produktion von US-Schieferöl ist in weniger als fünf Jahren um 62% gestiegen (von 5,3 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2015 auf 8,6 Millionen Barrel im Jahr 2019)4. Dank hoher Schieferölvolumen sind die USA zu einem Ausgleichsproduzenten geworden. Das Land hat zahlreiche produktive Quellen und kann die Produktion hochfahren, um von steigenden Preisen zu profitieren. In dieser Rolle können die USA Saudi-Arabien zumindest Konkurrenz machen, wenn nicht sogar abhängen.
  • Die globalen Ölmärkte haben sich von Grund auf verändert, die USA sind zu einem Netto-Exporteur geworden. Die Schieferöl-Revolution hat die globale Ölversorgung erhöht und die Preise gedeckelt; die Produktion von Schieferöl erreicht schneller die Gewinnschwelle und lässt sich im Vergleich zur Offshore-Produktion schneller hochfahren. Zwar schwanken die Kosten für die Produktion von US-Schieferöl deutlich, insgesamt ist das Geschäft jedoch rentabel, wenn die Marktpreise rund 45 Dollar pro Barrel erreichen oder überschreiten5. Offshore-Produzenten sind hingegen auf einen Preis von etwa 55 Dollar oder mehr angewiesen, um profitabel zu sein6. Ein weiterer Vorteil des US-Schieferöls: Nach nur drei oder vier Monaten Entwicklungsarbeit kann die Ölproduktion beginnen, die Erschließung von Offshore-Ölfeldern dauert dagegen drei bis sechs Jahre.

Auch Brasilien und Norwegen wollen in der ersten Hälfte des Jahres 2020 große neue Ölquellen anschließen. Die OPEC will die Preisauswirkungen durch das Überangebot bei gleichzeitig sinkender Nachfrage eindämmen und hat daher enge Fördergrenzen festgelegt, Colangelo und Lemco erwarten dadurch jedoch keine größeren Preissprünge.

 

Mit steigender US-Produktion steigt auch die globale Ölversorgung

US-Produktion, Importe und Exporte in Millionen Barrel pro Tag

Daten von Januar 1973 bis einschließlich Oktober 2019.

Quelle: U.S. Energy Information Administration.

 

Auch sinkende Nachfrage spielt eine Rolle

Auch die Nachfrage lässt lediglich moderate und kurzlebige Preisausschläge erwarten. Die weltweite Ölnachfrage nimmt ab und liegt heute unter ihren langfristigen fünfjährigen Durchschnitt mit einer jährlichen Wachstumsrate von 1,3 Millionen bis 1,4 Millionen Barrel pro Tag7.

„Früher war der Kraftstoffverbrauch im Transportwesen ausschlaggebend für die wachsende Nachfrage nach Rohöl“, so Colangelo. „Doch die schwächere Weltkonjunktur und der Übergang hin zur Elektromobilität und anderen Substituten dürften die Ölnachfrage auch zukünftig unter ihrer langfristigen Wachstumsrate halten.

(Unseren vollständigen Wirtschaftsausblick finden Sie im Vanguard Economic and Market Outlook for 2020: The New Age of Uncertainty.)

In weiten Teilen der Welt gibt es auch Anzeichen für steigende Energieeffizienz. (Siehe z. B. die nachstehende Grafik zur Energieintensität einzelner Sektoren der US-Wirtschaft. Hinweis: Fallende Energieintensität bedeutet steigende Energieeffizienz.) Höhere Energieeffizienz kann sich in sinkender Energienachfrage bemerkbar machen, einschließlich der Nachfrage nach Rohöl.

 

US-Energieeffizienz: positiver Trend

Energieintensität (Energieeinheiten pro Einheit Wirtschaftsleistung, Aufschlüsselung nach Sektoren)

Quelle: Internationale Energieagentur.

 

Ölschocks könnten das Bild ändern

Eine effektive Obergrenze für den Ölpreis könnte die Inflation und die Nominalzinsen im Zaum halten. Anleger mit einem diversifizierten Portfolio könnten davon profitieren. Zwar erwarten wir in absehbarer Zeit keine Preisexplosionen am Ölmarkt – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass langfristige Störungen ausbleiben. In den letzten 50 Jahren haben Konflikte im Nahen Osten zeitweise zu einer Verdoppelung der Rohölpreise geführt und Rezessionen ausgelöst, so Maria Colangelo. Ein gutes Beispiel hierfür ist die „zweite Ölkrise“ der Jahre 1979 und 1980, die durch die Iranische Revolution ausgelöst wurde. Anschließend brach Krieg zwischen Iran und Irak aus. Ein weiteres Beispiel ist die Invasion Kuwaits durch den Irak im Jahr 1990. Der anschließende Preisanstieg hielt nur einige Monate an, aber es dauerte mehrere Jahre, bis die betroffenen Länder wieder ihr vorheriges Produktionsniveau erreicht hatten.

Unsere zuversichtlichen Prognosen für die Rohölpreise könnten sich im Kriegsfall oder bei einer längeren Störung des Tankerverkehrs in der Straße von Hormuz ändern.

Außerdem könnten größere Verwerfungen kleinere Volkswirtschaften erschüttern, die stärker von Ölimporten oder -exporten abhängig sind.

„Wie die Geschichte zeigt, sind Schwellenländer besonders anfällig für wirtschaftliche Unruhen durch schwankende Ölpreise, wenn sie finanziell von einem einzigen Rohstoff (in der Regel Erdöl) abhängig sind“, so Lemco. „Für Anleger bedeutet das, dass sie an ihrem diversifizierten Portfolio festhalten sollten. Beteiligungen in Schwellenländern tragen zu einer globalen Diversifizierung bei. Anleger müssen jedoch in alle Schwellenländer investieren und dürfen sich nicht auf eine kleine Gruppe wie etwa die erdölproduzierenden Staaten beschränken.“

 

1 Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, 2020. 29. Januar; abrufbar unter https://fred.stlouisfed.org/searchresults/?nasw=0t=oil=price;transnational;monatlich;roh;imf&ob=sr&od=desc&types=gen;src.

2 Quelle: U.S. Energy Information Administration, 2019. Die Straße von Hormuz ist der weltweit wichtigste Öl-Transit-Engpass. 20. Juni; abrufbar unter https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=39932.

3 Quelle: Internationale Energieagentur.

4 Quelle: U.S. Energy Information Administration.

5 Quelle: Federal Reserve Bank of Dallas.

6 Quelle: Wood Mackenzie.

7 Quelle: Schätzungen von Vanguard auf Grundlage von Daten der U.S. Energy Information Administration.

Nur für professionelle Anleger (nach den Kriterien der MiFID II-Richtlinie), die auf eigene Rechnung investieren (einschließlich Verwaltungsgesellschaften (Dachfonds) und professionelle Kunden, die im Namen ihrer diskretionären Kunden investieren). Nicht für die öffentliche Verbreitung bestimmt.

In der Schweiz nur für professionelle Anleger.

Der Inhalt dieses Dokuments ist nicht als Angebot zum Kaufen bzw. Verkaufen oder als Aufforderung zum Angebot des Kaufens bzw. Verkaufens von Wertpapieren in Hoheitsgebieten zu verstehen, in denen ein solches Angebot oder eine solche Aufforderung rechtswidrig ist. Dasselbe gilt für Personen, denen gegenüber es ungesetzlich ist, ein solches Angebot bzw. eine solche Aufforderung vorzulegen, und für Personen, die nicht zur Vorlage eines solchen Angebots bzw. einer solchen Aufforderung autorisiert sind.

Die hierin enthaltenen Informationen stellen keine rechtliche, steuerliche oder anlagebezogene Beratung dar. Daher dürfen Sie sich nicht auf den hierin enthaltenen Inhalt verlassen, wenn Sie Anlageentscheidungen treffen.

Das in diesem Dokument enthaltene Material dient nur Schulungszwecken und stellt keine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Anlagen dar.

Der Wert der Investitionen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen, und Investoren können Verluste auf ihrer Investitionen erleiden.

Herausgegeben von Vanguard Asset Management, Limited, das im Vereinigten Königreich von der Financial Conduct Authority zugelassen wurde und reguliert wird. Herausgegeben von Vanguard Investments Switzerland GmbH.

© 2020 Vanguard Asset Management, Limited. Alle Rechte vorbehalten.

© 2020 Vanguard Investments Switzerland GmbH. Alle Rechte vorbehalten.