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Zwei widerlegte Mythen über die Liquidität von Anleihe-ETFs

29 Mai 2020
Anleihen

Anleihe-ETFs werden immer beliebter. Es ist an der Zeit, zu untersuchen, warum genau Anleihen selbst in schwierigen Märkten handelbar bleiben.

In den letzten zehn Jahren wurden mehr als 300 Anleihe-ETFs aufgelegt. Das verwaltete Vermögen ist in den USA auf mehr als USD 650 Mrd. angestiegen.1 Seit Auflegung des ersten Anleihe-ETF vor 16 Jahren ist der Markt stark gewachsen.

Die Gründe hierfür sind offenkundig, doch einige Anleger hegen noch immer Bedenken. Sie befürchten, dass die Liquidität von Anleihe-ETFs in volatilen Märkten so stark abfällt, dass es für Händler gefährlich werden könnte. Diese Sorge ist unberechtigt.

Neben dem Primärmarkt, an dem ETF-Anteile vom Emittenten neu geschaffen oder zurückgenommen werden, gibt es einen Sekundärmarkt für ETFs an der Börse. Der Handel mit Anleihe-ETFs ist deshalb von der Liquidität der Basiswerte unabhängig. In Europa entfallen etwa 60% des Handelsvolumens auf den Sekundärmarkt.2 Damit ermöglichen Anleihe-ETFs den Anlegern ein Exposure auf eine große Auswahl unterschiedlicher Anleihe-Portfolios. Die Geld-/Briefspanne beim Handel dieser Portfolios ist viel enger, als wenn man die darin enthaltenen Anleihen einzeln handeln würde.

Doch damit sind die Bedenken vieler Anleger gegenüber Anleihe-ETFs noch nicht ausgeräumt. Was, wenn die Liquidität der ETFs austrocknet? Und wie entwickelt sich der Wert eines Investments, wenn die benötigte Liquidität ausbleibt? Das sind durchaus berechtigte Fragen. Wir beleuchten einige Mythen über den Handel von Anleihe-EFTs und vergleichen sie mit der Wirklichkeit, um eine realistische Einschätzung zu ermöglichen.

Anleihemärkte verstehen

Zwischen Aktien-ETFs, Anleihe-ETFs und den dazugehörigen Portfolios von Basiswerten bestehen in vielerlei Hinsicht Unterschiede – beispielsweise werden sie an sehr unterschiedlichen Märkten gehandelt.

Aktien werden an Börsen gehandelt. Sie unterliegen Vorschriften über die Weiterleitung von Orders zwischen verschiedenen Handelsstandorten. Diese Richtlinien dienen dazu, dass Anleger an jedem Handelsplatz mit einem fairen Preis rechnen können. So entsteht ein relativ einheitlicher Markt, der Anlegern größere Liquidität gewährt. Aufgrund dieser Zentralisierung ist es leichter, Transaktionen mit unterschiedlichen Wertpapieren gleichzeitig durchzuführen.

Der Handel festverzinslicher Wertpapiere, besonders der mit Unternehmensanleihen, folgt anderen Gesetzen als der Aktienhandel. So findet der Handel von Unternehmensanleihen in einem fragmentierten Händlernetzwerk statt, dessen Mitglieder ihre jeweils eigenen Liquiditätspools anbieten. Anleger sind gezwungen, die Liquiditätsbedingungen der einzelnen Handelsplätze zu bewerten.

Dies bedeutet, dass der Anleihemarkt weniger transparent ist als der Aktienmarkt. Es kann schwierig sein, den fairen Preis einer Anleihe festzustellen. Die Geschäftsabwicklung ist komplexer, weshalb es schwieriger ist, die Basiswerte eines Portfolios in einer einzigen Transaktion zu handeln.

Diese Nuancen bieten Raum für Missverständnisse. Dazu zählen auch zwei Mythen über Anleihe-ETFs, die wir widerlegen wollen.

Mythos Nr. 1: Kommt der Markt unter starken Verkaufsdruck, wird die Liquidität von Anleihe-ETFs knapp.

Realität: Der Handel mit Anleihe-ETFs gewinnt in Phasen erhöhter Marktvolatilität an Intensität.

Wie der Abbildung unten zu entnehmen ist, steigt das Handelsvolumen vieler börsengehandelter Anleihe-ETFs mit zunehmender Volatilität.

Gerade in turbulenten Börsenphasen ist also der Sekundärmarkt, an dem Anleihe-ETFs gehandelt werden, besonders liquide – ein großer Vorteil.

Ansonsten müssten Anleger, die ein umfangreiches Portfolio verschiedener Anleihen benötigen, einen Handelspartner für jede einzelne Anleihe finden. In einem volatilen Markt ist das nicht nur äußerst schwierig, sondern auch teuer.

Der ETF-Handel führt die Liquidität an einem einzigen Standort zusammen. Passende Kontrahenten, die sich andernfalls nie begegnet wären, können sich dort leicht finden. Wie schon erwähnt, entfallen in Europa 60% des Handelsvolumens von Anleihe-ETFs auf den Sekundärmarkt. In den USA ist die Zahl noch höher, dort sind es 83%. Wenn ein Anleihe-ETF den Besitzer wechselt, bedarf es dazu deshalb meist keiner Transaktion in den Basiswerten.

Bei hoher Marktvolatilität machen sich Anleger die Liquidität von Anleihe-ETFs zunutze

Tägliches Handelsvolumen in den USA notierender Anleihe-ETFs

Quelle: Berechnungen von Vanguard basierend auf Daten von Bloomberg.
Hinweise: Das Volumen im Sekundärmarkt wird definiert als das Handelsvolumen aller in den USA notierenden Anleihe-ETFs. Die Abbildung beruht auf US-Daten vom 3. Januar 2013 bis 31. Oktober 2018.

Mythos Nr. 2: Bei starkem Verkaufsdruck weitet sich die Geld-/Briefspanne von Anleihe-EFTs.

Realität: Die Geld-/Briefspanne behauptet sich und bleibt selbst bei starkem Verkaufsdruck enger als im direkten Handel einzelner Anleihen.

ETF-Anleger haben den Vorteil, Anleiheportfolios im Ökosystem der Aktienmärkte zu handeln, ohne dass ihnen Kosten aus dem Handel der Basiswerte entstehen. Wer in festverzinsliche Papiere investiert, vermeidet so Transaktionskosten und profitiert von teils erheblichen Einsparungen.

Die Abbildung unten veranschaulicht anhand von US-Daten: Selbst an Tagen mit den extremsten Marktbewegungen beträgt die volumengewichtete durchschnittliche Geld-/Briefspanne von ETFs auf Unternehmensanleihen lediglich einige wenige Basispunkte. Das liegt weit unter den Transaktionskosten, die bei Kauf und Verkauf eines vollständigen Anleihe-Portfolios entstehen würden.

Anleger, die trotzdem skeptisch bleiben, können sich durch Limit-Orders für den Fall einer Ausweitung der Geld-/Briefspanne absichern. Mithilfe von Limit-Orders sind Anleger imstande, den Preis festzulegen, zu dem sie einen ETF kaufen oder verkaufen wollen. Damit ist das Risiko unerwünschter Handelspreise ausgeschlossen.

Transaktionskosten, die beim Handel von Anleihe-ETFs anfallen, bleiben zum einen stabil und sind außerdem günstiger im Vergleich zum direkten Handel mit Anleihen.

Durchschnittliche tägliche Geld-/Briefspanne von ETFs auf Unternehmensanleihen gegenüber Geld-/Briefspanne der Anleihen im Portfolio des ETF

Quelle: Berechnungen von Vanguard basierend auf Daten von Bloomberg und Barclays Point.
Hinweise: Die Geld-/Briefspanne von ETFs wird anhand der volumengewichteten Geld-/Briefspanne aller ETFs auf Unternehmensanleihen ermittelt. Barclays LCS repräsentiert die Geld-/Briefspannen im Anleihemarkt. Um die größten Marktbewegungen innerhalb eines Handelstages und die Geld-/Briefspannen der korrespondierenden Anleihen festzustellen, nutzen wir den Bloomberg Barclays US Credit Corporate 5–10 Year Total Return Index. Die Daten umfassen Beobachtungen zwischen dem 3. Januar 2017 und dem 31. Oktober 2018, in der Perzentil-Spanne zwischen 0 und 99, ohne Feiertage.

Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an das Vanguard ETF Capital Markets Team unter +44 (0) 203 753 6989.

 

1Morningstar, Inc., per 31. Dezember 2018.

2Vanguard Investment Strategy Group, 2019. Exchange-traded funds: Clarity amid the clutter (Klar und verständlich: So funktionieren ETFs). Valley Forge, Pa.: The Vanguard Group.

 

Mehr:

Global Aggregate Bond UCITS ETF

Wichtige Hinweise

Ausschließlich für professionelle Anleger nach den Kriterien der MiFID II-Richtlinie. Nicht zur öffentlichen Verbreitung bestimmt.

Dieser Artikel wird von The Vanguard Group Inc. veröffentlicht und dient lediglich zur Weiterbildung. Er stellt keine Empfehlung und kein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Anlagen dar.

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Die in diesem Artikel zum Ausdruck gebrachten Meinungen stellen die Meinungen des Autors dar und vertreten nicht zwingend den Standpunkt von Vanguard Asset Management, Ltd.

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