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Ein Kommentar von Peter Westaway, Vanguard Chief Economist Europe und Leiter der Investment Strategy Group Europe, und Giulio Renzi-Ricci, Senior Investment Strategist, Vanguard Europe.

Staatsanleihen sollen ein Portfolio in erster Linie stabilisieren, ihr Renditepotenzial ist zweitrangig.

Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir über die Folgen einer möglichen Trendwende an den Rentenmärkten nachdenken. Nach mehreren starken Jahrzehnten sind Anleihen aktuell tatsächlich wenig attraktiv. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir ihre Rolle in einem diversifizierten Portfolio grundsätzlich infrage stellen müssen.

Staatsanleihen sind eine verlässliche Quelle für laufendes Einkommen und daher in der Regel weniger volatil als Aktien. Außerdem sind sie meist negativ mit dem Aktienmarkt korreliert, insbesondere in volatilen Marktphasen.

Historisch betrachtet haben Staatsanleihen ein Portfolio stabilisiert und größere Ausschläge verhindert. Mit dieser Eigenschaft sind sie besonders wichtig für Anleger, die kurz vor dem Ruhestand stehen und auf ihr Portfolio angewiesen sind, um ihre Lebenshaltungskosten zu decken.

Die Diversifikationsvorteile von Anleihen liegen also klar auf der Hand. Deshalb spricht heute nicht weniger für ein ausgewogenes Portfolio aus Aktien und Anleihen als in früheren Jahren; selbst die klassische 60:40-Aufteilung ist heute genauso sinnvoll wie in der Vergangenheit. Wie Untersuchungen von Vanguard zeigen, gilt das sogar bei negativen Zinsen, denn die Kurse von Anleihen steigen in der Regel, wenn die Aktienkurse fallen. Im Gegenzug für diesen Diversifikationsvorteil müssen Anleger Renditeeinbußen in Kauf nehmen. Wenn Anleger höhere Renditen anstreben, können sie den Aktienanteil in ihrem Portfolio erhöhen, müssen dann jedoch auch höhere Volatilität in Kauf nehmen.

Richtig ist, dass sich an den Rentenmärkten eine Trendwende abzeichnet: Die steigenden Anleihekurse in Folge fallender Renditen der letzten Jahre dürften der Vergangenheit angehören.

Renditen zehnjähriger US-Treasuries

Quelle: Bloomberg; Stand: 15. März 2021.

Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries, ein guter Frühindikator für die globalen Rentenmärkte, ist seit Jahresbeginn um rund einen halben Prozentpunkt gestiegen. Dies hat nicht nur andere Rentenmärkte belastet, sondern zuletzt sogar am Aktienmarkt Nervosität ausgelöst. Anleger fürchten steigende Inflation und steigende Zinsen infolge maßloser Konjunkturpakete und exzessiver Konsumausgaben, sobald wir die Pandemie hinter uns lassen.

Wir sind uns der Risiken deutlich steigender Zinsen und höherer Inflation bewusst, das „Bond Vigilante“-Geraune halten wir dennoch für übertrieben.

Ohnehin ist es für die Sache nicht von Belang, denn an der unverzichtbaren Diversifikationsfunktion von Staatsanleihen in einem ausgewogenen Portfolio würde sich aus unserer Sicht selbst bei fallenden Anleihekursen höchstwahrscheinlich nichts ändern. Selbst wenn die Kurse an den Rentenmärkten im kommenden Jahr fallen sollten, sollten Anleger ihre Anleihen nicht verkaufen, denn als Schutz vor Aktienmarktvolatilität sind sie weiterhin unverzichtbar.

Und auch wenn die Erträge aus Anleihen insgesamt niedriger sind als in der Vergangenheit, dürften sie langfristig über null liegen, da Anleger die Cashflows aus steigenden Anleiherenditen wieder anlegen können.

Komplexe Wechselwirkungen

Die Wechselwirkung zwischen den Aktien- und Rentenmärkten ist häufig komplex; dasselbe gilt jedoch für die Beziehung zwischen Zinsen, Inflation, Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinnen.

Manchmal fallen Anleihe- und Aktienkurse im Gleichschritt, wie zuletzt im März 2020. Als wir uns die Daten der letzten 20 Jahre bis zu den Panikverkäufen im Zuge der Pandemie angesehen haben, haben wir in 29% der Fälle tatsächlich eine positive Korrelation festgestellt.

Das ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Funktion von Anleihen, denn insgesamt weichen sie in ihrer Wertentwicklung trotzdem vom Aktienmarkt ab. Als „Stoßdämpfer“ in einem Mischportfolio funktionieren sie also weiterhin. In den meisten Fällen konnten Anleihen fallende Kurse am Aktienmarkt (Rückgänge von 10% oder mehr vom Höchst- bis zum Tiefststand) durch positive Renditen abfedern. Größere Einbrüche am Aktienmarkt ziehen in der Regel höhere Anleiherenditen nach sich.

Fallende Aktienkurse, steigende Anleiherenditen

Manchmal bewegen sich Aktien und Anleihen im Gleichschritt. Unsere Analysen zeigen jedoch, dass die Ursachen für eine solche positive Korrelation in den allermeisten Fällen nicht von Dauer sind. Haben die Märkte die Reaktion der Zentralbanken erst einmal eingepreist, kehren Aktien und Anleihen in der Regel zu ihrer negativen Korrelation zurück. Während längerer Marktabschwünge haben wir in den letzten Jahren beobachtet, dass die stabilisierende Wirkung von Anleihen in einem Multi-Asset-Portfolio mit der Länge der Krise zunimmt. Dieses Phänomen ließ sich selbst zuletzt beobachten, als die Zinsen allem Anschein nach nicht weiter sinken konnten1.

Kein Patentrezept

Wir hatten das aktuelle Niedrigzinsumfeld seit einiger Zeit erwartet. Doch so schwierig diese Situation auch ist, stellt sie das klassische 60/40-Portfolio aus Aktien und Anleihen nicht infrage, denn von den niedrigeren erwarteten Renditen sind alle Strategien betroffen. Wir würden jede Lösung mit größter Skepsis betrachten, die einen einfachen Ausweg aus dem aktuellen Niedrigzinsumfeld verspricht (etwa durch Immobilien, deren scheinbar höhere Renditen mit Liquiditätsrisiken verbunden sind).

Das Ziel eines sorgfältigen Portfolioaufbaus ist das richtige Gleichgewicht zwischen verschiedenen Assetklassen mit voneinander abweichenden Risiko-/Renditeprofilen im Einklang mit den Zielen des Anlegers. Mit Aktien und Anleihen gelingt dies relativ leicht.

Je weiter ein Ziel entfernt ist, desto höher ist die Risikotoleranz eines Anlegers, desto mehr kann er in riskantere Aktien investieren, und desto niedriger kann der Anleiheanteil am Portfolio sein. Im Laufe der Zeit verkürzt sich der Anlagehorizont, daher sind Anleger mit zunehmendem Alter auf weniger riskante, stabilisierende Positionen angewiesen.

Wir glauben nicht an Pauschallösungen. Anleger können realistische (Netto-)Renditeprognosen aufstellen und das Risiko-/Renditeprofil ihres Portfolios an ihre Anlageziele, ihren Anlagehorizont und ihre Risikotoleranz anpassen.

Einem renditeschwachen Umfeld kann man nicht entkommen, indem man das 60/40-Modell aufgibt; es geht immer darum, die richtige Asset-Allokation zu finden, mit der Anleger ihre Ziele möglichst effizient umsetzen können.

Die Prinzipien einer guten Asset-Allokation aufzugeben, ist das Letzte, was Anleger in dieser Situation tun sollten. Eine Patentlösung für einen Ausweg gibt es nicht.

 

1 Quelle: Renzi-Ricci. G und Lucas Baynes „Trotz niedriger Zinsen – Warum sich Aktienrisiken am besten mit Anleihen absichern lassen“, Vanguard Research, Januar 2021.

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