Ein Kommentar von Giulio Renzi-Ricci, Head of Asset Allocation, Vanguard Europe.

 

  • Die Inflation mag steigen, an der Bedeutung eines diversifizierten Multi-Asset-Portfolios ändert sich nichts.
  • Die langfristigen Renditeprognosen für Anleihen sind sich seit Januar gestiegen.
  • Mit Aktien hatten Anleger:innen bisher bessere Chancen auf positive Realrenditen als mit Gold oder Rohstoffen.

 

Die Inflation steigt, und mit ihr auch die Zinsen in den meisten großen Volkswirtschaften. Anleger:innen mit einem diversifizierten Portfolio sind verständlicherweise beunruhigt, zumal die Kurse von Aktien und Anleihen im ersten Halbjahr im Gleichschritt gefallen sind.

Einerseits fürchten sie, dass eine höhere Inflation die Diversifizierungsvorteile von Anleihen untergräbt und ihre (inflationsbereinigten) Realrenditen sinken. Andererseits besteht die durchaus begründete Sorge, dass die absehbaren Zinserhöhungen die Wirtschaft in eine Rezession stürzen könnten und die Aktienkurse weiter fallen.

Doch Anleger:innen sollten sich in Erinnerung rufen, dass die Inflation einer der wichtigsten Gründe für eine Vermögensanlage ist, denn Bargeld schmälert ihre zukünftige Kaufkraft mit Sicherheit. In Zeiten hoher Inflation wie heute ist Investieren daher noch wichtiger.

Aus Anlegersicht unterscheiden sich Hochinflationsphasen nicht grundsätzlich von „normalen“ Zeiten; doch steigende Preise können den Drang verstärken, etwas zu tun. Daher habe ich nachstehend einige Gedanken zusammengefasst, die Anleger:innen bei einer Entscheidung im Kopf behalten sollten.

Risikoarme Anleihen in der Stunde der Not

Die zweistelligen Kursrückgänge an den Aktien- und Anleihemärkten seit Jahresbeginn2 geben Anleger:innen verständlichen Anlass zur Sorge. In einem diversifizierten Portfolio sollen risikoarme Anleihen vor allem die Aktienvolatilität dämpfen, schließlich bewegen sie sich meist in die entgegengesetzte Richtung der Aktienmärkte, wie auch ein Blick auf die jüngere Geschichte belegt3.

Eine Analyse von Vanguard der letzten zwanzig Jahre zeigt jedoch, dass rund 30% der Kursrückgänge am Aktienmarkt mit einem ähnlichen Rückgang am Anleihemarkt einhergingen4. Ein weiteres wichtiges Ergebnis der Analyse: Die stabilisierende Wirkung von Anleihen in einem Multi-Asset-Portfolio nimmt mit der Länge der Kursverluste am Aktienmarkt zu. Mit anderen Worten: Ein global diversifiziertes Anleiheportfolio ist umso sinnvoller, je deutlicher der Abschwung am Aktienmarkt ausfällt.

Steigende Renditeprognosen für Anleihen

Die Anleihemärkte reagieren häufig nicht auf erwartete Veränderungen, sondern nur auf unerwartete Ereignisse. Verantwortlich für die steigenden Anleiherenditen seit Jahresbeginn sind daher vor allem Überraschungen wie die unerwartet hohe Inflation, steigende Energiepreise oder der Krieg in der Ukraine.

Zur Bekämpfung der Inflation haben die Zentralbanken die Zügel angezogen, damit jedoch das Feuer am Anleihemarkt weiter angefacht. Das Ergebnis: In den ersten sechs Monaten des Jahres sind die Anleihekurse weltweit deutlich gefallen. Mittlerweile haben die Märkte anhaltend hohe Inflation und steigende Zinsen wohl eingepreist – und ziehen bereits die Möglichkeit einer Rezession und anschließender Zinssenkungen in Betracht.

In der ersten Jahreshälfte gab die Entwicklung am Anleihemarkt Grund zur Sorge, inzwischen jedoch liegen die Renditen weitgehend über den längerfristigen Inflationserwartungen. Vor allem aber erfüllen Anleihen wieder ihre Rolle als verlässliche Diversifikatoren von Aktienrisiken, nachdem sie riskanteren Assetklassen seit Jahresbeginn meist nach unten gefolgt waren.

Einfach ausgedrückt: Die langfristigen Aussichten für Anleihen haben sich verbessert. Unsere aktuellen Renditeprognosen lassen für Anleger:innen im Euroraum in den kommenden zehn Jahren eine Rendite von 1,4 bis 2,4% pro Jahr für europäische Anleihen und 1,3 bis 2,3% für währungsgesicherte globale Anleihen (Anleihen der Eurozone nicht eingerechnet) erwarten. Zu Jahresbeginn waren wir noch von -0,5 bis 0,5% ausgegangen, sowohl für europäische als auch für globale Anleihen.

Höhere Renditeprognosen für Anleihen

WICHTIGER HINWEIS: Die Prognosen sowie andere Informationen, die von dem VCCM generiert werden und die Wahrscheinlichkeit verschiedener Anlageergebnisse zum Gegenstand haben, sind naturgemäß hypothetisch, stellen keine tatsächlichen Anlageergebnisse dar und garantieren keine zukünftigen Erträge. Die Verteilung der Renditeergebnisse des VCMM wird aus 10.000 Simulationen für jede modellierte Assetklasse abgeleitet. Simulationen zum 31. Dezember 2021 und 30. Juni 2022. Die Ergebnisse des Modells können mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit variieren. Weitere Angaben finden Sie im Abschnitt „Informationen zu Anlagerisiken“ weiter unten.

Hinweise:  Die Zahlen beruhen auf einer Bereichsleiste mit einer Genauigkeit von 0,5 Punkten für Anleihen um das 50. Perzentil. Für die VCCM-Simulationen werden folgende Indizes (in Klammern) verwendet: Anleihen Euroraum (Bloomberg Euro-Aggregate Bond Index); Anleihen Welt ohne Euroraum (Bloomberg Global Aggregate ex Euro Index). Gesamtrenditen in EUR.

Aktien als langfristige, risikobereinigte Inflationsabsicherung

Die Inflation dürfte auch in den kommenden Jahren über dem Durchschnitt der letzten Jahre liegen; im Euroraum erwarten wir bis Jahresende nur einen geringen Rückgang auf etwa 8 bis 8,5%. Immer häufiger hören Anleger:innen inzwischen, sie sollten ihr Geld aus Aktien abziehen und in alternative Assetklassen wie Gold oder Rohstoffe investieren, um sich vor der galoppierenden Inflation zu schützen.

Wie unsere Untersuchungen zeigen, können Gold und Rohstoffe kurzfristig, also über einen Zeitraum von etwa einem Jahr, tatsächlich besser vor Inflation schützen als Aktien, denn ihr Inflationsbeta ist größer als 1. (Ein Beta von 1 zeigt eine inflationsneutrale Entwicklung an.) Gold und Rohstoffe zur Absicherung gegen kurzfristige Inflationsrisiken haben jedoch ihren Preis: Wie die nachstehende Grafik zeigt, müssen Anleger:innen im Gegenzug deutlich höhere Inflation in Kauf nehmen.

Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge.

Quellen: Berechnungen von Vanguard auf Grundlage von Daten von Bloomberg und der OECD; Stand: 31. Oktober 2021. Hinweise: Die Volatilität entspricht der Standardabweichung der rollierenden annualisierten Einjahresrenditen in monatlichen Intervallen. Das Inflations-Beta ist definiert als das Ausmaß, in dem die Rendite eines Vermögenswerts steigt, wenn die Inflation um 1 Prozentpunkt steigt. Beobachtungszeitraum: 31. Januar 1976 bis 31. Oktober 2021. Aufgrund der Datenverfügbarkeit beginnt der Beobachtungszeitraum für globale Anleihen, Anleihen in Euro, inflationsgebundene Anleihen und Staatsanleihen am 31. Dezember 2000. Der MSCI EMU wurde im Jahr 1998 aufgelegt, für den vorangegangenen Zeitraum verwenden wir die Renditedaten des MSCI Europe. Als Näherungswert für die Inflation der Eurozone vor 1990 verwenden wir BIP-gewichtete Inflation von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Wir zeigen die Analyse von Rohstoffen sowohl für den am 31. Januar 1972 als auch für den am 31. Januar 1992 beginnenden Beobachtungszeitraum, um deutlich zu machen, dass die Inflationsabsicherungseigenschaften von Rohstoffen vom Umfeld abhängen. Für die Berechnung wurden folgende Indizes verwendet: Aktien Welt - MSCI World Net Total Return Index; Aktien der Eurozone - MSCI EMU Net Total Return Index; Anleihen Welt (abgesichert) - Bloomberg Global Aggregate Total Return Index (Hedged EUR); Anleihen der Eurozone - Bloomberg EuroAgg Total Return Index; inflationsgebundene Anleihen - Bloomberg Euro Govt Inflation-Linked Bond All Maturities Total Return Index; Staatsanleihen - ICE BofA Euro Government Index; Rohstoffe - S&P GSCI Index Spot; Gold - Gold Spot.

 

Auch wenn sie, zumindest am Anfang, positive Realrenditen abwerfen, sind diese Anlagen also mit höheren Risiken verbunden. Außerdem können Rohstoffe und Gold zwar zum Teil vor unerwarteten Inflationsausschlägen schützen; doch damit die Absicherung jedoch funktioniert, müssen Anleger:innen bereits in diese investieren, bevor die Inflation anzieht.

Über einen längeren Zeitraum von fünf, zehn oder zwanzig Jahren hatten Anleger:innen mit Aktien im Allgemeinen bessere Chancen auf positive Realrenditen als mit Gold oder Rohstoffen, und dies bei weniger Risiko, wie die nächste Grafik zeigt. Wer also einen langfristigen Kaufkraftverlust durch Inflation befürchtet, sollte vielleicht eher über ein höheres Aktien-Exposure nachdenken.

Anteil der positiven Realrenditen von Gold, Rohstoffen und Aktien

Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für künftige Erträge.

Quellen: Berechnungen von Vanguard auf Grundlage von Daten von Bloomberg und der OECD; Stand: 31. Oktober 2021.

Hinweise: Gesamtrenditen in EUR. Die Grafik zeigt den Anteil der positiven Realrenditen über 5, 10 und 20 Jahre. Beobachtungszeitraum der monatlichen Daten: 31. Januar 1975 bis 31. Oktober 2021. Die Volatilität wird für die monatlichen Renditen des gesamten Beobachtungszeitraums berechnet. Für die Berechnung wurden folgende Indizes verwendet: Aktien Welt – MSCI World Net Total Return Index; Aktien der Eurozone – MSCI EMU Net Total Return Index; Rohstoffe – S&P GSCI Index Spot; Gold – Gold Spot.

Eine langfristige Strategie zahlt sich aus

Wer wegen steigender Inflation schwache Renditen befürchtet, sollte vor einer Neuausrichtung seines Portfolios seinen Anlagehorizont und seine Risikotoleranz beachten. Ein global diversifiziertes Aktien-/Anleiheportfolio ist für die meisten Anleger:innen die richtige Wahl und lässt sich bei Bedarf anpassen, wenn sich die persönlichen Umstände oder Ziele ändern.

Auf unserer Website finden Sie den Halbjahresbericht unseres Marktausblicks, in dem unsere Volkswirt:innen ihre Erwartungen für Wachstum, Inflation und Geldpolitik erläutern und unsere langfristigen Kapitalmarktprognosen vorstellen.

 

1, 2 Quelle: Berechnungen von Vanguard auf Grundlage von Daten von MSCI und Bloomberg. Globale Aktien werden dargestellt durch den MSCI All Country World Index (in EUR). Globale Anleihen werden dargestellt durch den Bloomberg Global Aggregate Index (in USD). Daten vom 3. Januar 2022 bis zum 30. Juni 2022.

3, 4 Renzi-Ricci G und Lucas Baynes, „Hedging equity downside risk with bonds in the low-yield environment“, Vanguard Research, Januar 2021.

WICHTIGER HINWEIS: Die Prognosen sowie andere Informationen, die von dem Vanguard Capital Markets Model generiert werden und die Wahrscheinlichkeit verschiedener Anlageergebnisse zum Gegenstand haben, sind naturgemäß hypothetisch, stellen keine tatsächlichen Anlageergebnisse dar und garantieren keine zukünftigen Erträge. Die Verteilung der Renditeergebnisse des VCMM wird aus 10.000 Simulationen für jede modellierte Assetklasse abgeleitet. Die Simulationen sind aktuell per 31. Dezember and 30. Juni 2022. Die Ergebnisse des Modells können mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit variieren.

Die Prognosen des VCMM basieren auf statistischen Analysen und historischen Daten. Zukünftige Renditen können von den im VCMM erfassten historischen Mustern abweichen. Noch wichtiger ist jedoch, dass das VCMM extrem negative Szenarios unterschätzen kann, die in den historischen Zeiträumen, auf denen die Modellschätzungen beruhen, nicht vorkamen.

Das Vanguard Capital Markets Model® ist ein firmeneigenes Finanz-Simulationsinstrument. Es wurde von den primären Investment-Research- und Beratungsteams von Vanguard entwickelt und wird von diesen gewartet. Das Modell prognostiziert die Verteilung zukünftiger Renditen für zahlreiche Assetklassen. Zu diesen Assetklassen gehören die US-amerikanischen und internationalen Aktienmärkte, US-Treasuries und Unternehmensanleihen mit verschiedenen Laufzeiten, internationale Anleihemärkte, US-Geldmärkte, Rohstoffe sowie bestimmte alternative Anlagestrategien. Die theoretische und empirische Grundlage des Vanguard Capital Markets Model ist die Beziehung zwischen Rendite und Risiko: Die Renditen zahlreicher Assetklassen sind der von Anlegern im Gegenzug für bestimmte Arten von systematischem Risiko (Beta) verlangte Ausgleich. Das Modell beruht im Kern auf Schätzungen der dynamischen statistischen Beziehung zwischen Risikofaktoren und Asset-Renditen. Diese erhalten wir durch statistische Analyse monatlicher Finanz- und Wirtschaftsdaten, die bis in das Jahr 1960 zurückreichen. Mithilfe eines Systems von Gleichungsschätzungen führt das Modell eine Monte Carlo-Simulation durch, um die geschätzten Zusammenhänge zwischen Risikofaktoren und Assetklassen sowie Ungewissheit und Zufälle langfristig zu prognostizieren.

Das Modell generiert eine große Anzahl simulierter Ergebnisse für jede Assetklasse über verschiedene Zeiträume. Die Prognosen werden durch Berechnung der Zentraltendenzen in diesen Simulationen gewonnen. Die Ergebnisse des Modells variieren mit jeder Nutzung sowie im Laufe der Zeit.

Wichtige Hinweise zu Anlagerisiken

Der Wert der Investitionen und die daraus resultierenden Erträge können steigen oder fallen, und Investoren können Verluste auf ihrer Investitionen erleiden.

Die frühere Wertentwicklung gibt keinen verlässlichen Hinweis auf zukünftige Ergebnisse.

Fonds, die in festverzinsliche Wertpapiere investieren, bergen das Risiko eines Zahlungsausfalls bei Rückzahlungen und einer Beeinträchtigung des Kapitalwerts Ihrer Investition. Außerdem kann das Ertragsniveau schwanken. Änderungen der Zinssätze haben wahrscheinlich Auswirkungen auf den Kapitalwert von festverzinslichen Wertpapieren. Unternehmensanleihen können höhere Erträge abwerfen, bergen aber auch ein höheres Kreditrisiko. Dadurch steigt das Risiko eines Zahlungsausfalls bei Rückzahlungen und einer Beeinträchtigung des Kapitalwerts Ihrer Investition. Das Ertragsniveau kann schwanken und Änderungen der Zinssätze haben wahrscheinlich Auswirkungen auf den Kapitalwert von Anleihen.

Wichtige allgemeine Hinweise

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