Das komplexe Lagebild der Weltwirtschaft
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Aktives Management

Das komplexe Lagebild der Weltwirtschaft

Steigende Inflation scheint das Wachstum kaum zu belasten, doch für aktive Investoren ist das Bild weniger eindeutig.

Wichtige Punkte

  • Die Wahrscheinlichkeit, dass Ölpreisschocks eine Rezession auslösen, ist gesunken, das Wachstum bremsen und die Inflation anheizen können sie jedoch weiterhin.
  • Je nach Region zeigt die Energiekrise unterschiedliche Wirkung: Die USA sind vergleichsweise isoliert; Europa wächst langsamer, kann jedoch eine Rezession vermeiden; Asien ist aufgrund steigender Transportkosten stärker betroffen.
  • Die Inflation, nicht das Wachstum, ist das größte Makro-Problem, weshalb aggressive Zinserhöhungen weniger dringlich sind.

„Die höheren Energiepreise zeigen keineswegs überall die gleiche Wirkung. Einige Wirtschaftsräume sind in höherem Maße von Energieimporten und Lieferketten abhängig und anfälliger für geopolitische Risiken als andere, was regional zu unterschiedlichen Entwicklungen führt.“

Ales Koutny

Head of International Rates, Vanguard Europe

Steigende Ölpreise stehen einmal mehr im Fokus, doch die wirtschaftlichen Folgen sind mit den Ölschocks vor 30 Jahren nicht zu vergleichen. 

Zwar heizen höhere Energiekosten nach wie vor die Inflation an und belasten das Wachstum, doch die aktuelle Lage ist komplexer: Die Wirtschaft wächst weiter, obwohl die Inflation deutlich anzieht.

Ein bekannter Schock, ungewohnte Folgen

In der Vergangenheit haben explodierende Energiepreise meist eine Rezession ausgelöst, doch heute ist die Wirtschaft dank struktureller Veränderungen – höhere Energieeffizienz, Angebotsdiversifizierung und die wachsende Bedeutung weniger energieintensiver Sektoren – weniger abhängig vom Öl, sodass steigende Preise nicht mehr unmittelbar zu einem Konjunktureinbruch führen.

  • Dies bedeutet nicht, dass die Auswirkungen unbedeutend sind, und für Verbraucherinnen und Verbraucher sind sie sogar sehr direkt spürbar: Steigende Benzinkosten reduzieren das verfügbare Einkommen und belasten damit den Konsum. Dass dieser Druck einen systemischen Abschwung auslösen wird, halten wir jedoch für unwahrscheinlich.
  • Die aktuelle Lage deutet vielmehr darauf hin, dass die steigende Inflation lediglich eine Verlangsamung auslöst und die Wirtschaft weiter wächst.

Idiosynkratische regionale Risiken

Zudem zeigen die höheren Energiepreise keineswegs überall die gleiche Wirkung. Einige Wirtschaftsräume sind in höherem Maße von Energieimporten und Lieferketten abhängig als andere und anfälliger für geopolitische Risiken, was regional zu unterschiedlichen Entwicklungen führt.

Unsere Wachstumsprognose für den Euroraum haben wir entsprechend gesenkt und bewegen uns jetzt auf Konsensniveau zwischen 0,5 und 1%. Das liegt deutlich unter unseren früheren Prognosen, steht jedoch nicht im Widerspruch zu den Erfahrungen der vergangenen zehn Jahre, mit Ausnahme der Erholung nach der Pandemie. 

Die Wirtschaft des Euroraums ist heute resilienter als in der durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise der Jahre 2022/23 und wird dank stabiler Energieversorgung weiter wachsen. Vor allem scheint das europäische Energiesystem dank Kernkraft und erneuerbaren Energien heute weniger anfällig für extreme Preisspitzen zu sein.

Anders ist die Lage in den USA, die als großer Energieproduzent weniger von höheren Ölpreisen am Weltmarkt betroffen sind und sogar von diesen profitieren könnten. Die US-Wirtschaft wächst entsprechend stark, Anzeichen für einen massiven Schock durch steigende Energiepreise sind nicht erkennbar.

Besonders spürbar ist die Energiekrise dagegen in Asien, wo längere Seewege sowohl die Kosten als auch die Unsicherheit in die Höhe treiben. In einigen Fällen haben sich die Transitzeiten so erheblich verlängert, dass es zu Disruptionen in Lieferketten kommt und der Preisdruck weiter steigt. Beispielsweise ist die Transitzeit für Schiffe aus Asien, die durch die Straße von Hormus rund 10 Tage betrug, nun um bis zu 18 Tage gestiegen, zumal die Schiffe den Umweg um das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika nehmen müssen.1

Engpässe können zu drastischen Preissteigerungen führen, wenn die Energieabnehmer um das knappe Angebot konkurrieren.

Marktsensitivität und geopolitische Risiken

Die Märkte reagieren weiterhin deutlich auf geopolitische Entwicklungen. Machen Konflikte Schlagzeilen, sei es durch Eskalation oder durch eine mögliche Beilegung, kommt es insbesondere an den Energie- und Zinsmärkten zu kurzfristigen Kursbewegungen. Immer mehr Investoren passen ihre Zinserwartungen und Strategien zur Inflationsabsicherung an, um ihre Portfolios auf mögliche Schocks vorzubereiten.

Trotz der wirtschaftlichen Unsicherheit erwirtschaften Unternehmen insbesondere in den USA weiterhin robuste Gewinne und stützen damit die Aktienmärkte. Diese Resilienz macht deutlich, wie wichtig es ist, zwischen zyklischen Dellen und prinzipiell gut aufgestellten Unternehmen zu unterscheiden.

Künstliche Intelligenz als Stütze

Die Entwicklung Künstlicher Intelligenz scheint die Weltwirtschaft deutlich zu stützen. Finanzberichte zeigen höhere Unternehmensinvestitionen an, Schätzungen deuten zudem auf einen weiteren, deutlichen Anstieg im kommenden Jahr hin. Zudem scheinen diese Investitionen erste Renditen abzuwerfen – was gegen das befürchtete Szenario einer Blase durch exzessive Kapitalausgaben spräche.

Die anhaltend hohen Investitionen stützen die Konjunktur und gleichen die Belastung durch höhere Energiekosten und geopolitische Unsicherheit zum Teil aus.

Das größte Problem bleibt die Inflation

Solange das Wachstum nicht einbricht, wird wohl die Inflation die wichtigste wirtschaftliche Kennzahl bleiben. Auch wegen der hohen Energiekosten erwarten wir, dass sich die Gesamtinflation in den großen Volkswirtschaften kurzfristig der 4%-Marke nähern wird. Allerdings sind derartige Werte inzwischen weniger problematisch, weshalb die Zentralbanken die Zügel auch nicht mehr so aggressiv anziehen müssen.

  • Die Märkte gehen davon aus, dass die Federal Reserve ihre Zurückhaltung beibehält. Solange die Wirtschaft weiterhin wächst und die Inflation hoch ist, dürfte die Schwelle für weitere Zinserhöhungen ebenfalls hoch liegen. Vor dem Hintergrund der robusteren Arbeitsmarktdaten und des anhaltenden Preisdrucks hat sich der Fokus der Fed vielmehr weg von schnellen Zinssenkungen bewegt.
  • In Europa ist die Lage komplexer, zumal die Inflation in erster Linie von den Energiekosten und nicht von der Stärke der Nachfrage abhängt. Das höhere Energieangebot legt jedoch den Schluss nahe, dass sich der Preisanstieg im Vergleich zu den extremen Ausschlägen vergangener Jahre in Grenzen halten wird.

Portfolioausrichtung in der Energiekrise

Die Wechselkursentwicklung dürfte längerfristig zunehmend von Energiefundamentaldaten und dem US-Dollar abhängen, weshalb wir für unsere aktiven Anleihestrategien bei Bedarf Absicherungspositionen aufbauen. Da wir auf Anlageentscheidungen auf Grundlage von Fundamentaldaten treffen, sollte diese Absicherung durch eine Untergewichtung von Ländern zum Ausdruck kommen, die in dem aktuellen geopolitischen Umfeld am stärksten von Handelsdisruptionen betroffen sind. Besonders anfällig sind aus unserer Sicht die indische Rupie, der thailändische Baht und der japanische Yen, weshalb wir diese Währungen gegenüber dem US-Dollar untergewichtet haben.

Die höheren Ölpreise sind noch immer einer Belastung, doch sie dominieren das wirtschaftliche Lagebild nicht mehr so deutlich wie in früheren Jahren. Vielmehr sind sie heute Teil eines komplexeren Umfelds, in dem die Wechselwirkungen zwischen Wachstum, Inflation und politischen Reaktionen komplizierter werden – und von Anlegerinnen und Anlegern interpretiert werden müssen.

1 Quelle: air7seas.com.

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